30.09.2010

Zwei Leben in Briefen

Barbara Kirchenkamp und Reinhard Frömming als Melissa und Andy in ‚Love Letters’, dem neuen Stück im Theaterstall Brackede.

Barbara Kirchenkamp und Reinhard Frömming als Melissa und Andy in ‚Love Letters’, dem neuen Stück im Theaterstall Brackede.

Brackede. Eine Schauspielerin und ein Schauspieler, zwei Tische, zwei Stühle und jede Menge Briefe: Dies genügte am vergangenen Samstag im Theaterstall, um das Leben zweier Menschen wie einen Bilderbogen amüsant und bewegend vor dem Publikum auszuspannen. Keinen Wortwitz, keine Situation ließen sich die Premierengäste entgehen, gelacht wurde gerne und viel. Und doch ist das Stück ‚Love Letters’ des Amerikaners A.R. Gurney keine eindimensionale Komödie, sondern vielmehr ein Theaterstück, das im Zuschauer nachhallt und wegen seines Gehalts und seiner Vielschichtigkeit mit Gewinn mehrmals gesehen werden kann. Nicht umsonst hielt das Time Magazine es für eines der fünf besten Theaterstücke der Gegenwart. Dass die Geschichte von Melissa und Andy, wie sie als Hintergrund durch die Briefe der zwei deutlich wird, sehr amerikanisch daherkommt (reiches Mädchen, alkohol- und therapie-erfahren reist malend um die Welt, armer Junge wird nach Army und Jurastudium Karriere bewusster Senator), verzeiht man ihr gerne. Weit spannender und wesentlicher als die äußeren Umstände ist die Beziehung der beiden und das Aufeinanderprallen zweier völlig unterschiedlicher Charaktere.

Liebesbriefe im engeren Sinne gibt es wenige in ‚Love Letters’. Im Theaterstall in Brackede unterstrichen Regie und Bühnenbild eindrücklich innere Stimmung und Inhalt des Stückes: Ein weites (rotes) Band rund um die Bühne umfängt zwar die beiden Darsteller Barbara Kirchenkamp (als Melissa) und Reinhard Frömming (als Andy), die beide in identischer Haltung die Briefe an den jeweils anderen lesen: Irgendwie gehören sie zusammen. Und doch sind sie getrennt, an zwei räumlich deutlich getrennten Tischen. Sie blicken zeitgleich auf, aber nie einander direkt an. Die Inszenierung von Undine Andersson lebt unter anderem von diesen kleinen, vom Schauspielerpaar besonders in der ersten Hälfte des Stückes liebevoll ausgespielten Zäsuren und dem synchronen Aufschauen. Für die Zuschauer klingt in diesen Momenten das Gehörte nach und weitere Jahre im Leben der Protagonisten vergehen zwischen Weihnachtskartengruß und Sommerferieneinladung. Ein Liebespaar sind sie eigentlich nicht, Melissa und Andy („Ich gehe mit niemanden, das ist gegen meine Religion“, schreibt die junge Melissa). Oder doch: Sie schickt ihm ihre Zeichnungen - das Kängeruh, das über Orangensaft hüpft -, er ihr neben nüchternen Ratschlägen auch einmal ein Duzend rote Rosen, die ausdrücklich nichts anderes als ‚Kopf hoch’ heißen sollen.

Besonders eindrücklich und authentisch gelang den beiden Ensemblemitgliedern des Theaterstalls die Schlussszene. Gehalten durch die klare Inszenierung und Lichtregie ließen die Akteure je auf ihre Art den Gefühlsgehalt der geschriebenen Worte deutlich zum Klingen bringen.

Weitere Vorstellungen von ‚Love Letters’ gibt es im Theaterstall Brackede noch am Freitag den 08. und 29.10, sowie am 20.11. jeweils um 20.00 Uhr, Karten und Informationen unter www.theaterstall.de oder Tel. 05857-1344. -EZ-Redaktion/lh-

 

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