Wolfs-Kenner in der Göhrde

Alles wird protokolliert: Wolfsberater ‚Kenny’ Kenner bereitet die Menschen in der Göhrde auch mit Führungen und Vorträgen auf die Rückkehr des Wolfes vor
Walmsburg/Dübbekold. „Mit der Sirene klappt es besser“, Andrea Funcke schienen leise Zweifel zu kommen ob der verwandtschaftlichen Beziehungen ihrer beiden Border-Collies. Da ruft der Urururopa! Die beiden Hunde lauschten zwar dem mitgebrachten Wolfsgeheul, kläfften durchaus auch einmal in die Arien ihrer Ahnen und heuchelten Interesse, doch viel lieber und lauter heulen sie mit der Walmsburger Sirene - von der sie aber ganz eindeutig nicht abstammen, versichert Andrea Funcke. Es war ihr erstes Experiment dieser Art, doch der Wolfsgesang aus dem ‚Ghetto-Blaster’ schien ein ruhiges Summen, verglichen mit dem aufgeregten Geschnatter der Laufenten und der 17 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren, die sich um die Hunde herum auf dem Hof des Mitmach-Museums versammelten. Sie hatten die Kassette mit echtem Wolfsgeheul nach Walmsburg gebracht und warteten nun gespannt auf Antwort, aber „in English, please“!
Spielerisch, fast ganz nebenbei, lernen die Kids nämlich Englisch, sind Sandra Brandt und Stefanie Wiener von der Spielsprachschule Abrakadabra überzeugt. Sie organisieren Wochenend-Reiter-Camps (Jolly Jumper) oder fünftägige Bauernhofcamps (Fun Farm). Gestern noch haben sie bei Trapp in Ellringen - dort schlafen die Kinder im Kräuterheu und dürfen in der Neetze baden - eine Talentshow organisiert, nun stand klassisches Landleben auf dem ‚Stundenplan’. Während aller Aktivitäten wird zwanglos englisch gesprochen, die Fremdsprache gehört bald zum vertrauten Alltag, verspricht das Abrakadabra-Team.
„Aber erst ’mal müssen wir Plüsch und Marmotte begießen!“ Der Rückfall ins Deutsche sei verziehen, den beiden Kaltblütern vor Marco Braunschweigs Kutsche war auf der Strecke zwischen Ellringen und Walmsburg ganz schön warm geworden und nachdem die Kids schon ein Eis zwischendurch bekommen hatten galt ihre ganze Sorge nun erst den Pferden, dann der Sprache.
Böser Wolf - guter Hund
„Ask the dogs before you pet them“ (Hunde erst fragen, dann streicheln) - tierische Vielfalt herrscht auf dem Walmsburger Bauernhof von Andrea Funcke: Schafe, bis zu 100 Stück können es bei ihr werden, liefern Fleisch, Milch, Wolle, Leder - und tollen Dünger, von dem ihre Nachbarn kaum genug bekommen können. Hühner und Enten versorgen sie mit Eiern, Fleisch und Federn. Die Hunde helfen bei der Arbeit mit den Schafen, die Katzen halten die Nager kurz und für die Feldarbeit will Andrea Funcke die beiden Esel und ihr Muli einspannen, fehlt nur noch der Acker...
Andrea Funcke betreibt „Subsistenzwirtschaft, alles für den Eigenbedarf wird selbst erzeugt, nur der Überschuss verkauft“ und demonstriert den Kindern Teilaspekte dieser historischen Landwirtschaft, wie sie oft noch bis vor 50 Jahren betrieben wurde. Ohne Haustiere wäre es nicht gegangen, und da stehen Schafe und Wölfe beziehungsweise Hunde ganz am Anfang einer langen, wechselvollen Beziehung.
„Schafe sind ja beliebte Opfer des Wolfes - und des Teufels“, erklärt Andrea Funcke, „so wurde der Wolf verteufelt.“ Dem Hund allerdings, den der Mensch aus dem Wolf züchtete, wird das Reißen von Schafen offenbar weniger übel genommen. Im letzten Jahr töteten treue Fifis mindestens 9 ihrer Tiere. Es scheint eine eigentümliche Persönlichkeitsspaltung stattgefunden zu haben: Als hätte der ‚Steinzeitmensch’ einst aus einem neutralen Vorfahren den ‚guten Hund’ für sich als Gefährten herausgezüchtet und den ‚bösen Wolf’ wie einen gefallenen Engel in den dunklen Wäldern zurückgelassen.
Hätte ein Wolf Andrea Funckes Schafe gerissen, hätte sie den Schaden ersetzt bekommen, andererseits hätte sie einem Wolf durchaus schon ’mal ein Lamm gegönnt, nicht aber einem Hund, vielleicht auch noch zur Belustigung seines Besitzers. „Jetzt ist aber Ruhe, die hiesigen Jäger passen gut auf“, freut sich die Schafshalterin. Aber was, wenn der Wolf wirklich käme, hat sie keine Angst um ihre Lämmer?
Der Wolf kann kommen
„Ich würde es super gut finden, wenn der Wolf kommt“, strahlt Andrea Funcke und bestätigt, dass die Schafshalter ihres Bekanntenkreises der Ankunft Isegrims „entspannt“ entgegensehen. Auch Dank der Aufklärungsarbeit der Wolfsberater fühlt sie sich gut gerüstet. Sie hat ihre Elektrozäune erhöht und sorgt für „ordentlich Saft. Der Wolf soll gar nicht erst auf den Schafsgeschmack kommen.“ Manche Schäfer setzen auch ausgebildete Herdenschutzhunde ein oder Hütehunde. „Meine Esel sind auch gut gegen Wölfe“, lacht sie verschmitzt, „weil sie nicht weglaufen sondern angreifen.“ Wölfe kann man mit selbstbewusstem Auftreten offenbar leicht ‚bluffen’.
‚Kenny’ Kenner aus Dübbekold ist einer von rund 40 ehrenamtlichen Wolfsberatern (überwiegend Jäger und Förster), die es seit Anfang diesen Jahres in Niedersachsen gibt. Der Wendländer interessierte sich schon immer für Wölfe. Als sich das Wolfsrudel in der Lausitz dort etablierte ist er bereits vor 10 Jahren dorthin gefahren. Inzwischen hat er sich da bei den Biologen mehrfach schlauer gemacht, Kurse und Fortbildungen selbst finanziert.
1989 hatte sich die Grenze ja auch für Wölfe geöffnet, auf der Suche nach einem neuen Revier können sie weite Strecken zurücklegen (40 bis 60 Kilometer pro Nacht) und sind gute Schwimmer, weiß Kenner, eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann sie ihre alte Heimat wieder besuchen würden. Offiziell wurde der letzte Wolf 1851 in der Göhrde geschossen, Isegrim damit dort ausgerottet. 2007 meldete Kenner Spuren eines Wolfes in der Göhrde, doch erst als nicht viel später bei Gartow bei einer Gesellschaftsjagd ein Wolf auf grausame und unwaidmännische Art zerschossen wurde (EP berichtete), nahm man die Hinweise ernst genug.
Das Land Niedersachsen sah ein, dass es geschulte Wolfsberater brauchen könnte, am besten noch bevor Isegrims Geheul flächendeckend durch die Wälder hallt. Wolfsberater suchen einerseits Spuren und bearbeiten Meldungen aus der Bevölkerung, andererseits bereiten sie die Menschen auf ein mögliches Zusammenleben mit dem einstigen ‚Angstgegner’ vor. Auf Empfehlung des Landes durfte Kenner auf eigene Kosten weitere Schulungen besuchen, Biologie und Verhalten, Fährten, Risse und Losung des Wolfes genau kennen lernen. Zu seiner Ausrüstung, wenn er regelmäßig zum ‚Monitoring’ (EU-Vorschrift zur Erfassung von FFH-Tieren) durch die Göhrde streift, gehören: Kamera, zwei Flaschen mit vergälltem Alkohol für organische Proben, Gefrierbeutel für Losungsproben, Handschuhe, um die Proben nicht mit eigenem genetischen Material zu verunreinigen, Messer um gegebenenfalls Risse ‚aus der Decke zu schlagen’, Maßbänder und natürlich eine Mappe mit Stift und Protokollblättern für alles. Fundorte werden per GPS gepeilt.
Unter anderem gehört die Begutachtung gerissener Tiere, gemeinsam mit dem Jagdberechtigten, zu den Aufgaben des Wolfsberaters. Ein Wolfsriss unterscheidet sich deutlich von dem eines Hundes, weiß er und beschreibt Details. Auch Wolfs-Losung, das was man beim Hund gern Häufchen nennt, sei aromatischer. Am Trittsiegel (dem Fußabdruck) allein allerdings einen Wolf vom Hund unterscheiden zu wollen sei blanke Illusion, so Kenner. Tatsächlich stecke die Wolfsforschung eher noch in den Anfängen, bisher habe man Isegrim ja nur verfolgt.
Menschen schmecken ihm nicht
Wenn man ihn sieht ist es eher kein Wolf, Isegrim geht den Menschen aus dem Weg, selbst wenn er sich in besiedeltes Gebiet begibt. Menschen passen nicht in das Beuteschema der Wölfe, sie klingen nicht gut, riechen nicht lecker, auch kleine Kinder nicht. Menschen verhalten sich nicht wie Fluchttiere, wie Schalwild beispielsweise, Kaninchen, oder Mäuse - im Gegenteil, Menschen starren das Gegenüber an, das gilt unter Tieren als Aggression. Wölfe werden ungern verletzt, sie versuchen Auseinandersetzungen zu vermeiden. Der Streit mit einem Menschen bringt ihnen keinerlei Vorteil, nur Gefahr. Wölfe lernen viel von ihren Eltern, auch die Angst vor Menschen.
„Leicht angespannt“ ist die Beziehung zwischen Mensch und Wolf schon lange, Kenner sieht in der Christianisierung Ursachen für eine deutliche Verschlechterung des Verhältnisses. Lämmer gehören, anders als Menschen, durchaus in das Beuteschema des Wolfes, der so zum klassischen Gegenspieler des guten Hirten und seiner Schafherde wurde. Reale Sorgen und Vorurteile gegen Isegrim als Menschenfresser halten einer ernsthaften Überprüfung ansonsten nicht stand, so Kenner.
Theoretisch könnten Wölfe Menschen durchaus erlegen, was ist mit den sieben Geißlein und vor allem Rotkäppchens Großmutter? Die Angst vor dem Verschlungen werden gibt es auf allen Kontinenten, andere Menschen kennen den ‚bösen Tiger’. Kenner bemüht lieber Zahlen und Fakten. In Russland gibt es 20.000 Wölfe, in den letzten 50 Jahren seien 9 Menschen von ihnen getötet worden, davon war in fünf Fällen Tollwut die eigentliche Ursache, in vier Fällen menschlicher Leichtsinn, die Wölfe wurden offenbar angefüttert. - Selbst an Palmen hängende Kokosnüsse sind gefährlicher und Hunde erst recht. In Schweden provozierten Forscher 200 mögliche Begegnungen zwischen Wolf und Mensch in einem größeren Gelände. 198 Mal haben sich die Wölfe zurückgezogen, zweimal schlugen sie einen Bogen und näherten sich den Menschen bis auf 200 Meter - aber keine der Versuchspersonen hat einen Wolf auch nur gesehen. Für Kinder im Wald ist Isegrim keine Gefahr, so Kenner und entlaufene Hunde müssen bei einer Begegnung mit ihm auf artgemäß-rustikale Begrüßungsrituale gefasst sein.
Gerissene Jäger
Weil Wölfe Verletzungen lieber vermeiden, jagen sie das, was wünschenswert ist, bei den Jägern jedoch oft nicht so hoch im Kurs steht: altes, krankes Wild und Frischlinge. Jäger haben oft Bedenken, ‚Wildschweinbabys’ zu schießen, doch das wäre die effektivste Methode, den hohen Bestand der Schwarzkittel einzudämmen. Wölfe können das Wild jedoch nicht ausrotten, sie schöpfen im Allgemeinen nur 10 Prozent ab. Wird das Wild selten, vergrößert der Wolf sein Revier, sodass die Wilddichte nicht weiter absinkt - automatisch passt er so seine eigene Dichte dem Bestand seiner Nahrung an.
Aus einem Wolfsrevier könnten sich von der Größe her etwa 10 Jäger bedienen. Auf andere Art jedoch würden sie seine Anwesenheit spüren: Das inzwischen nachtaktiv gewordene Wild (Jäger brauchen Büchsenlicht) würde scheuer werden, andere Versteckmöglichkeiten aufsuchen. Mit „plumpem Anfüttern“ hätten die Jäger dann weniger Erfolg, Ansitzjagden würden schwieriger, man kann auch sagen, die Fähigkeiten des Jägers würden wieder stärker gefordert.
Kenner sieht seine Aufgabe ganz wesentlich auch darin, die Schäfer zu informieren, denn die werden am meisten mit Isegrim zu tun bekommen. Der Wolfsberater erinnert einmal mehr daran, dass Wölfe Jagdtechniken lernen. Jetzt nicht die Elektrozäune entsprechend zu sichern wäre fahrlässig. Wölfe wollen zuerst unten durch, so Kenner, da sollten sie einen spürbaren Schlag bekommen. Und mindestens 90 Zentimeter hoch sollten die Zäune sein, damit sie nicht darüber springen - und Wasser, ein Fluss oder ein See, stellt für einen Wolf kein Hindernis dar. Wenn ein Wolf erst einmal gelernt hat, wie er den Zaun überwinden kann und dass dort reichlich leichte, leckere Beute auf ihn wartet, kann es ein Problem geben, er jagt dann gern auf Vorrat und erlegt auch einmal drei bis fünf Schafe, und er lernt aus dieser guten Erfahrung.
In Walmsburg mit den Wölfen geheult
Selbst wenn Isegrim schon da ist, wird man ihn kaum zu Gesicht bekommen, dennoch bittet Kenner darum alles ‚Verdächtige’ zu melden, Losung beispielsweise, die auffällige Reste der Beutetiere enthält (Haare, Zähne, Hornstücke, Schalen). Findet man ein gerissenes Tier sollte es nicht angefasst oder bewegt werden, sondern umgehend dem Jagdpächter, Förster (über den Landkreis) oder dem NLWKN gemeldet werden.
Und dass auch in ihren Hunden Wolfsblut fließt, sie ebenso unheimlich und eindrucksvoll heulen können wie ihre Vorfahren, demonstrierte Andrea Funcke dann doch noch. Effektiver als jede Sirene forderte sie zur Freude der Kinder die beiden Vierbeiner auf in ihren Gesang einzustimmen... -EP-Redaktion/sn-
Wolfsberater in der Region
Gesamter Landkreis Lüchow-Dannenberg
Siegfried Kenner
Dübbekold 1, 29473 Göhrde
Tel.: 05855/979300
Jens-Peter Burkhardt
Rucksmoor 1, 29471 Gartow
Tel.: 05846/979470/Mob.: 0171/7458624
Mungla Sieck
Dorfstraße 14, 29471 Gartow
Tel.: 05846/2199
Gemeinde Amt Neuhaus und gesamter Landkreis Lüchow-Dannenberg
Marcel Pommerencke
Gertrudenstraße 6, 28203 Bremen
Tel.: 0421/43310060 (AB)/Mob.: 0174/8997901
Gemeinden Göhrde, Karwitz, Zernien sowie Samtgemeinden Hitzacker und Clenze
Jörn Grabau
Gut Gamehlen 1, 29481 Karwitz
Tel.: 05846/2016
Flächen des Landes-Forstamtes Göhrde
Hans-Jürgen Kelm, NFA Göhrde
Dannenbergerstraße 7, 29484 Langendorf
Tel.: 05882/261
Stadt Bleckede, Gemeinde Neu Darchau und gemeindefreies Gebiet Göhrde
Peter Pabel, NFA Göhrde
König-Georg-Allee 13, 29473 Göhrde
Tel.: 05855/978713 oder 05855/550
Mob.: 0170/8627976
Gesamter Landkreis Lüneburg
Wolfgang Baumgärtner
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Mathias Holsten
Landkreis Lüneburg, Fachdienst Umwelt
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