Wenn ein Schiff vorüber fährt ...
Hitzacker. „Der letzte noch weitgehend frei fließende Strom Mitteleuropas, ein Fluss mit intakten Auen, lauschigen Buchten und goldenen Sandstränden ...“ Dorothea Steiner, Bündnis 90/Grüne, Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Umweltpolitik, gerät ins Schwärmen, wenn es um die Elbe geht. Am Mittwochmorgen begrüßte sie unter anderem Jürgen Trittin, den Fraktionsvorsitzenden der Bündnis 90/Grünen im Bundestag, in Schillers Gästehaus in Hitzacker. Er schloss sich dort der ‚Grünen Elbe-Tour’ an, bei der Bundestagsabgeordnete fünf Tage die Elbe entlang radeln, um für „Flusstourismus, Ökologie und Hochwasserschutz“ zu werben. Gestartet am Montag in Geesthacht machte der Treck Station in Bleckede, Hitzacker, Dömitz, Lenzen, Wittenberge, Hohenwarthe, Magdeburg und Steutz. Mit von der Partie in Hitzacker sind außerdem ‚Elbepapst’ Ernst Paul Dörfler, Rebecca Harms, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament, und Anja Piel, Landesvorsitzende der Bündnis 90/Grünen in Niedersachsen. Als ‚Heimatkundiger’ begleitete Klaus Lehmann (Altes Zollhaus) die Politik in Hitzacker und bat zu einer kleinen Floßfahrt.
Problem-Vertiefung
Dörfler, waschechter „Elbling aus Anhalt“, konnte Dorothea Steiner wenigstens in einer Hinsicht beruhigen: Er habe während der aktuellen Tour sogar Ausländer auf dem Elberadweg entdeckt. Die Grüne hatte zuvor bedauert, dass die Schönheiten der Mittelelbe bislang offenbar noch nicht einmal bis in das Bewusstsein der Hamburger gedrungen sei. Im sanften Tourismus liege das eigentliche Potenzial der Elbe, nicht in der Nutzung als Verkehrsweg. Trotz jährlicher Investitionen seit der ‚Wende’ in Höhe von bis zu 40 Millionen Euro in die ‚Wasserstraße’ würden Schiffe auf dem Strom immer seltener. Der Grund sei ganz einfach, so Dörfler: „Der Elbe fehlt das Wasser.“ Das könne man auch mit einer „Zwangsvertiefung“ des Flussbettes nicht herbei buddeln.
Insgesamt nehmen die Extremsituationen zu, in den letzten Jahren häufen sich Starkregen und Trockenperioden, ‚Jahrhunderthochwasser’ und Hitzesommer. Zur Zeit kann man die Elbe bei Hitzacker zu Fuß durchqueren, sie hat dort nur noch eine Wassertiefe von 1,10 Meter, das demonstrierte Klaus Lehmann eindrucksvoll am Dienstag. „Die Elbe ist als Wasserstraße einfach untauglich“, so Dörfler, dem die versenkten Millionen, die auch sinnvolle Entwicklungen blockieren, Leid tun. So gehe man bei den Berechnungen noch immer von den Wassermengen der Jahre 1973 bis 1986 aus, die gebe es gar nicht mehr. Für die Schifffahrt müsse die Mittelelbe auf garantierte 1,60 Meter vertieft werden. Das versucht man derzeit auch ‚durch die Hintertür’, nämlich durch eine Verlängerung der Buhnen, als Instandsetzung bezeichnet. Dabei werde der Fluss schmaler und das Sandbett stärker abgetragen. Im Gartenreich Dessau sei den Auen auf diese Weise bereits das Wasser abgegraben worden, so Dörfler, erste Schäden würden sichtbar. Die Buhnenverlängerung, ergänzte Rebecca Harms, führe zu unberechenbaren Tälern und Bergen im Flussbett, dieses ‚Geschiebe’ müsse aufwändig beseitigt werden. Und in Hitzacker werde durch so eine Verengung der Hafen wahrscheinlich noch erheblich schneller versanden als jetzt, ist Dörfler sicher.
Lieber Fremden- als Güterverkehr
Wie kann man von der Elbe an der Elbe profitieren? Durch den Ausbau der Mittelelbe würden maximal 8 Arbeitsplätze geschaffen, rechnet Dorothea Steiner vor. Viel billiger könne man Beschäftigung in Kultur und Fremdenverkehr erreichen. Bereits jetzt locke die ganze Elbe eine Millionen Touristen jährlich an ihre Ufer, der Nutzen bliebe in der Region.
„Hier gibt es nichts abzuwägen“, geht Trittin auf eine gern geforderte Balance zwischen Ökonomie und Ökologie ein, Binnenschifffahrt auf der Elbe sei keine realistische Perspektive, sie mache derzeit 0,5 Prozent des gesamten deutschen Binnenschiffsverkehrs aus, 80 Prozent finden auf den Rhein statt, überwiegend ein Kanal mit entsprechend „pikanter Hochwassersituation“. Als Wasserstraße könne der Elbe-Seiten-Kanal besser dienen. Die Hoffnung, massenhaft Schüttgut sowie Unmengen Kohle für nicht vorhandene Riesenkraftwerke auf der Elbe zu transportieren, sei eher unrealistisch, so Trittin. Die Situation des Rheins sei auch dabei nicht vergleichbar, er verbinde viele Wirtschaftszentren auf kurzer Distanz, ergänzte Rebecca Harms. Wie an der Unteren Havel, inzwischen ein Freizeitparadies, sei auch die Elbe ein ausgezeichnetes Retentions- und Erholungsgebiet. „Das mittlere Elbetal ist einzigartig, weil man die menschlichen Eingriffe gar nicht sieht, hier kann man den Rest der Welt vergessen“, schwärmt nun auch die Europaabgeordnete.
Mehr Natur kann auch heißen mehr ökonomisches Wachstum, wenn man die endogenen Potenziale nutzt. Trittin: „Die Region hat ja nichts davon, wenn einmal ein Schiff vorbeifährt.“
Das Richtige fordern
Ein Problem sei, dass als Existenzberechtigung von Wasser- und Schifffahrtsämtern vor allem Bau- und Erhaltungsmaßnahmen angesehen würden, deswegen sei man dort in dieser Richtung höchst kreativ. Als Zeichen dafür wertet Trittin die extreme Überzeichnung der zur Verfügung stehenden 500 Millionen Euro: Wasserbauprojekte für 5 Milliarden werden vorgeschlagen. Im übrigen Verkehrswesen betrage diese Überzeichnung lediglich 15 Prozent.
Eine ‚Hochwasserschutzphilosophie’ nach dem Motto ‚Das Wasser muss schnell weg, weiter zu den Unterliegern’, die die Grünen durch den amtierenden niedersächsischen Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) vertreten sehen, erfordere einen schmalen, tiefen, schnellen Strom. Das verträgt sich nicht mit der Mittelelbe, wie sie ist, breit, flach und langsam, und dem Hochwasserschutz der Grünen, der die Speicherkapazität der Uferbereiche erhöhen will. Das sei auch die Konsequenz aus 2002 gewesen: Mehr Raum für die Elbe durch Schaffung von Retentionsflächen. Nach nunmehr 8 Jahren sei am ‚Bösen Ort’ in Lenzen das erste Projekt umgesetzt worden – von 33 (zwei weitere befinden sich in der Umsetzungsphase). Das würde auch noch durch Buhnenverlängerungen konterkariert. Dörfler kann das nicht wirklich frustrieren, so scheint es: „Man soll nicht aufhören, das Richtige zu fordern, Natur wird immer seltener und knappe Güter werden teuer. Wir sollten unser zukünftiges Kapital nicht verspielen.“ Und dabei können auch die Wasser- und Schifffahrtsämter mittun. Zwei neue Richtlinien erlauben ihnen nämlich, zukünftig auch für Natur- und Hochwasserschutz aktiv zu werden. Das müsste dort nur noch tiefer ins Bewusstsein dringen. –EP-Redaktion/sn-

