19.11.2009

Tiefgründig, bissig und unterhaltsam

Szene ‚Fernsehwerbung‘ v.l. mit Timm Kausmann, Marco Pohlodek, Annika Janakiev und Cynthia Kundt

Szene ‚Fernsehwerbung‘ v.l. mit Timm Kausmann, Marco Pohlodek, Annika Janakiev und Cynthia Kundt

Dahlenburg. Die Auftaktveranstaltung zur Dahlenburger Kulturwoche 2009 bestritt das Magdeburger Studentenkabarett ‚Prolästerrat‘ am Freitagabend im gut besuchten Gasthaus Adam in Dahlenburg. Pünktlich um 19.30 Uhr eröffnete Samtgemeindebürgermeister Joachim Dassinger die Dahlenburger Kulturwoche und begrüßte die jungen Akteure aus Magdeburg ganz herzlich. „Ein ausgewogenes, interessantes und vielseitiges Programm erwartet die Besucher der diesjährigen Kulturwoche“, versprach Dassinger, er verband seine Grußworte an die Besucher mit der Hoffnung, dass die Folgeveranstaltungen der kommenden 10 Tage gut besucht würden. Für die Organisation und Koordination aller zwölf Veranstaltungen an neun Orten in der Samtgemeinde Dahlenburg dankte er besonders Markus Dauber und schloss die Spender und Sponsoren, die Mitarbeiter des Bauhofes, die Freiwillige Feuerwehr Dahlenburg sowie alle Helfer und Unterstützer ein.

 

Kontrolle muss sein

In verschiedenen Bühnendarstellungen spannten die Studenten aus Magdburg in ihren Sketchen einen weiten Bogen gesellschafspolitischer Schieflagen von Hartz IV, über Bildungsdefizite der Jugend, Bankencrash und Aktiensturz, bis hin zum Schönheitswahn in Castingshows und kommerzieller Fernsehwerbung.

Wie die Bundesagentur für Arbeit im Rahmen ihrer Überwachungstätigkeit Mitbewohner ausfindig macht und so eine Bedarfsgemeinschaft ermittelt, wurde ebenso gekonnt und mit Spielfreude dargestellt, wie die perfekte Perspektive und das gute Aussehen, das man heute bieten muss, um den allgegenwärtigen Kameras an Bushaltestellen, Bahnhöfen, in der Straßenbahn und sonst wo ein gutes Bild von der eigenen Person zu vermitteln. Immer einen korrekten Eindruck machen und durch verdammt gutes Aussehen glänzen, man weiß ja nie, von welcher Dienststelle man gerade beobachtet wird, war das Fazit dieser Darstellung. Die Überwachung und die Frage, ob alles unter Kontrolle ist, bilden den Schwerpunkt des kabarettistischen Programms.

Ebenso scheint es, bedarf die schulische Ausbildung, gespielt in dem Sketch ‚Kontrollfragen‘ und in Szene gesetzt von Bianca Tönnies und Marko Pohlodek, einer Überprüfung. Die erschreckenden Lücken im Allgemeinwissen, hier dargestellt in einem Vorstellungsgespräch, sollen deutlich machen, wie sich die Bildungsmisere inzwischen auswirkt. Der folgende Sketch ‚schlag nach‘ ... eine musikalische Aufforderung, sich das notwendige Wissen, wenn es schon nicht durch die Schule vermittelt werden kann, durch Nachschlagen in den zugänglichen Informationsquellen zu verschaffen, bot wenigstens einen Lösungsvorschlag an. Die nächste Nummer über die Umgangssprache der Jugend offenbarte, dass diese auch schon bei Lehrern und Ausbildern, so scheint es, ihre Spuren hinterlassen hat.

‚Hau drauf, vorwärts deutsche Jugend, hau drauf, such dir einen Schwächeren, vorwärts deutsche Jugend, hau drauf!‘ Die zunehmende Gewaltbereitschaft an Schulen und in der Öffentlichkeit wurde eindrucksvoll mit diesem Song von Gregor Aisch, Thomas als Solisten und dem gesamten Team im Chor vorgetragen.

 

Börsenverluste und Übergewicht

Die wirtschaftlichen Turbulenzen nach dem Bankencrash und den Einbrüchen am Aktienmarkt vermittelten dem Zuschauer nach der Pause das skurrile Bild von ‚Börsenopfern‘, die sich vom Geldtempel einer deutschen Großbank stürzen wollen. Der gesellschaftskritische Ansatz in dieser Szene war nicht zu übersehen und wurde von den Darstellen professionell und gekonnt rübergebracht.

Im weiteren Programm ging es um den Schönheitswahn in Castingshows und um die Auswirkungen, die sich in Essstörungen Jugendlicher äußern. Aber auch die zunehmenden Probleme der Jugendkriminalität, des Übergewichts und des Bewegungsmangels Jugendlicher waren Themen, die in den Fokus der Kabarettisten genommen wurden. „Die Jugendkriminalität wird künftig abnehmen“, prophezeit Marko Pohlodek in seiner Rolle als Jugendbetreuer, „denn welcher Jugendliche mit Übergewicht kann denn einer fitten Nordic-Walking-Oma noch die Handtasche rauben?“. Sicher etwas übertrieben und sarkastisch vorgetragen, aber mit einem realistischen Kern im Zeitalter von Fastfood, Tütensuppen und Pommes ...

Das zweistündige Programm der Studenten aus Magdeburg war unterhaltsam, hintergründig machte nachdenklich und war zeitlich fast auf der Höhe. „Dass Wolfgang Schäuble nicht mehr Innenminister ist, konnte in der Kürze der Zeit nicht im Programm geändert werden“, erklärte der Sprecher des Kabaretts, Marko Pohlodek, nach Beendigung des Programms ‚Alles (außer) Kontrolle’ entschuldigend. In einem Gespräch mit der EP wurde deutlich, dass Pohlodek weiß, wovon er in seinem Sketch ‚Hartz IV‘ spricht. Der staatlich geprüfte Betriebswirt ist seit längerem selbst Hartz IV-Empfänger und froh, dass er dem Ensemble ‚Prolästerrat‘ angehört. „Die Darsteller erhalten selbst keine Gage, sondern betreiben das Kabarett als Hobby. Lediglich ihre Kosten für Regie, Technik und Reiseaufwand werden von den Einnahmen bestritten“, bemerkt Marko Pohlodek. -EP-Redaktion/jw-

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