26.11.2009

Stallgeruch trotz Studium

Ende 2007 erhielt Manfred Fischer das Bundesverdienstkreuz, ein bisschen Platz bleibt da noch auf dem Revers für die zarte goldene SPD-Ehrennadel. Beim nächsten Jubiläum muss die Partei dann wohl einen Brilli springen lassen, flachste der Landrat

Ende 2007 erhielt Manfred Fischer das Bundesverdienstkreuz, ein bisschen Platz bleibt da noch auf dem Revers für die zarte goldene SPD-Ehrennadel. Beim nächsten Jubiläum muss die Partei dann wohl einen Brilli springen lassen, flachste der Landrat

Bleckede. Genossen im Hochzeitssaal des Elbschlosses - recht vornehm feierten die Sozialdemokraten des Landkreises Lüneburg vor einer knappen Woche bei Schluck und Schnittchen ein halbes Jahrhundert Bleckeder Urgestein: 50 Jahre ist Manfred Fischer Mitglied der SPD. Seit 1968 im Rat der Elbestadt war er zwei Jahre lang auch ihr Bürgermeister (bis zur Gebietsreform 1972), ist Ehrenbürger der französischen Partnergemeinde und 40 Jahre Kreistagsabgeordneter. Engagiert in zahlreichen Gremien prägte er die Geschicke der Stadt und ihr Gesicht. Birgit Neumann, Bleckedes SPD-Vorsitzende, meint sogar, Ähnlichkeiten mit dem Antlitz des Fritz-von-dem-Berge-Denkmals zu entdecken. Von dem Berge hatte den Renaissance-Flügel, die Vertäfelung weist mittelhochdeutsche Inschriften auf, einst auf eigene Kosten anbauen lassen, wusste Fischer, und trotzdem noch viel Geld hinterlassen.

Der Landtagsabgeordneten Andrea Schröder-Ehlers fiel auf, dass Wechsel in Fischers Biografie auch mit Veränderungen in der SPD verbunden waren, so folgte nicht lange nach seinem Parteieintritt die Verabschiedung des ‚Godesberger Programms’ und nun stünde die SPD wiederum an einem Wendepunkt. „Noch mit Müntes Unterschrift - und der von Birgit Neumann“, überreichte Schröder-Ehlers Ehrenurkunde und die goldene Nadel.

1959 war ein geschichtsträchtiges Jahr. Landrat Manfred Nahrstedt verwies auf de Gaulles Machtstreben, die Erstbestellung von Starfightern, die immer wieder abstürzten, Schweizer Männer, die das Frauenwahlrecht ablehnten und auf das erste Radargerät zur Geschwindigkeitsmessung, das die Düsseldorfer Kasse klingeln ließ. Er erinnerte an die erste Preussag Aktie und die Flucht des Dalai Lama aus China. Fidel Castro wurde Ministerpräsident auf Cuba, der Grundstein des Springer-Hauses in Berlin wurde gelegt, in der DDR wurden LPGs und Flagge beschlossen, Lübke war Bundespräsident, Asterix erschien, ‚Durbridge-Krimis’ im Fernsehen fegten die Straßen leer, die Jusos forderten eine Fußballreform mit „freiem Zugang zum generischen Tor“ und bereits am 16. Februar trat Manfred Fischer in die SPD ein.

 

Kriegsbeil und Friedensballon

„Gewerkschaft und SPD, das gehört sich so“, hatte der gelernte Maurer mit Meisterbrief von seinem Vater gelernt, auch wenn man in Darmstadt Architektur studiert. Und so geht Manfred Fischer die Anrede ‚Genosse’ ebenso geschmeidig von den Lippen, wie dem Landrat. Carlo Schmidt persönlich hatte ihm noch erklärt, warum die Hannoverschen Beschlüsse vom Godesberger Programm abgelöst werden sollten, erinnert sich Fischer. Seit 1962 war er wieder aktiv in Bleckede, ließ unter anderem beladene Luftballons mit dem Westwind nach ‚drüben’ fliegen. „Da waren keine Kartoffelkäfer drin“, klärt Fischer auf, „das war Propagandamaterial!“. Es kam sogar Antwort aus der DDR, ein Brief, der an ‚die Post’ in Bleckede adressiert war.

Gratulant Hermann Schuer aus Dahlenburg, noch immer nicht ganz darüber hinweg, dass er vorerst nicht ‚per fusionem’ zum Bleckeder wird, hatte Manfred Fischer nach 200 Jahren ‚Schusterkrieg’ 1972 bei Ellringen Frieden geschlossen. Jetzt heißt es, retten was zu retten ist, ohne das Kriegsbeil wieder auszugraben“, so Fischer und erinnerte daran, dass auch andere Vereinigungen nicht geklappt hätten. So sprach er Ernst Tipke an, „Bleckedes kulturelles Gewissen“, der nicht ganz unbeteiligt daran gewesen sei, dass Neetze zur Samtgemeinde Ostheide kam. Und mit „Brüderchen Wolfgang Schurreit“ verbindet Fischer nicht nur das Verständnis ohne viele Worte, sondern auch die gemeinsame Erinnerung an die Besuche in Amt Neuhaus. „Wir waren als erste drüben“, die Kollegen von der CDU hätten sich immer geweigert, DDR-Formulare auszufüllen, deswegen ließ man sie nicht. Auch Manfred Bode aus „der schwarzen Marsch“, der sich ständig über die Buslinien Gedanken machte und Helmut Mussmann. Der würdigte Fischers „Ecken, Kanten und begründete Standpunkte“ und betonte, dass der selbst als Architekt und Arbeitgeber seinen Stallgeruch nicht verloren habe.

 

... dann seid Ihr mich los!

Die ‚Genossen’ ließ sich Manfred Nahrstedt auch von der DDR nicht vermiesen und freut sich, dass diese Anrede wieder mehr Freunde gewinnt. Er habe von Fischer gelernt, „wie man Politik für seinen Ort macht“. Dazu gehören auch Absprachen mit dem politischen Gegner, auch wenn das im Fall Fusion nicht funktioniert habe. Nahrstedt und Mussmann erinnerten an den SPD-Vorschlag nach der ersten Befragung mit offener und intensiver Aufklärung zu reagieren und dann eine weitere Befragung anlässlich der Bundestagswahl durchzuführen, mit dem sich die CDU nicht anfreunden wollte. Da sei die SPD wohl dichter am Bürger gewesen, konstatierten sie. - Manfred Fischer jedenfalls will in seiner letzten Amtsperiode im Bleckeder Stadtrat noch viel erreichen, „aber dann seid Ihr mich los!“ lächelt er verschmitzt. -EP-Redaktion/sn-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue