Lehrerentlassung führt zur Programmänderung im Deutschlandfunk

Expertenrunde: Die Mutter eines Internatsschülers, Ute Hagemaier aus Hamburg, links, im Gespräch mit Dr. Erika Risse, Vorsitzende der Landerziehungsheim-Vereinigung (LEH), und DLF-Moderator Jürgen Wiebicke
Marienau. Ursprünglich war eine Sendung über die ‚Reformpädagogik‘ in Internaten und über die ‚Cornetts‘ im Landschulheim Marienau geplant (EP berichtete). ‚Cornetts‘ üben in Marienau soziale Dienste aus, unterstützen die ‚Hauseltern‘ bei der Betreuung eines Wohnbereiches im Internat und übernehmen im angemessenen Rahmen eigenständige Aufgaben. Sie sind sozusagen die größeren ‚Brüder und Schwestern‘ der jüngeren Schülerinnen und Schüler. Bei einem Treffen der Marienauer ‚Cornetts` im Harz wurde, bestärkt durch die Ereignisse um die Odenwaldschule, auch das Thema Alkoholkonsum von Schülern mit einem Lehrer und sich anschließende ‚Distanzverletzungen‘ in Marienau angesprochen, wie der 18-.jährige ‚Cornett‘ Tom in der Live-Sendung des Deutschlandfunks am Mittwochvormittag berichtete.
„Wir hatten uns bei dem Treffen im Harz entschlossen, mit dem betroffenen Lehrer zu sprechen“, führte Tom weiter aus. Die Schulleitung hatte von den Vorgängen Kenntnis erhalten und am Montagabend mit einem Brief an die Eltern sofort reagiert. In dem Brief wurden sie über den Vorgang, die Suspendierung und über die Einleitung der Entlassung des betroffenen Lehrers informiert. „Wir haben die Angelegenheit öffentlich gemacht, wollten Transparenz herstellen und nichts ‚unter den Teppich kehren‘. Daher haben wir auch an dem seit längeren geplanten Sendetermin festgehalten“, berichtete Schulleiterin Heike Elz in der Sendung. „Es geht hier nicht um ein oder zwei Bier, die der Lehrer mit den Schülern getrunken hat, sondern um durchaus intensiven Alkoholkonsum, in dessen Folge die Schüler auch bei dem Lehrer übernachten durften“, führte Heike Elz weiter aus.
Sendkonzept musste umgestellt werden
Moderator Jürgen Wiebicke stellte sein Sendkonzept um und thematisierte den Vorgang in Marienau im Besonderen und die Vielzahl der in letzter Zeit öffentlich bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an Schulen und Internaten im Allgemeinen. Dazu wurde Prof. Dr. Peter Fauser von der Universität Jena in die laufende Sendung des Deutschlandfunks zugeschaltet, um die Frage zu klären, wie viel Nähe zu Schülern und Schutzbefohlenen erlaubt und wie viel Distanz notwendig ist. „Diese Frage können nur die Betroffenen selbst beantworten. Mit anderen Worten, ein Kind kann ganz genau beurteilen, welche Berührungen eines Lehrers oder Erziehers normal bzw. unbedenklich sind und wann eine Grenze überschritten wird. Jeder weiß, ob er angemessen angefasst wird“, sagte Prof. Dr. Fauser und fügte hinzu, „die Kinder und Schüler müssen durch ihre Lehrer und Erzieher bestärkt werden, ‚Nein sagen‘ zu können, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden. Hierin müssen sie ermuntert und unterstützt werden, entsprechende Vorfälle der Internats-, Tagesstätten- oder Schulleitung zu melden und im Elternhaus anzusprechen. Ganz sicher haben die Ereignisse in den letzten Wochen dazu beigetragen, den hier vorliegenden Fall öffentlich zu machen und die richtigen Schritte einzuleiten“.
Auch aus Sicht der Vorsitzenden der Landerziehungsheim-Vereinigung (LEH), Dr. Erika Risse, die zwanzig Deutschen und einem Schweizer Internat vorsteht, ist im Fall Marienau von der Schulleitung angemessen, konsequent und richtig gehandelt worden. Missbrauchsfälle und Distanzüberschreitungen dürfen in keinem Fall geduldet und ‚unter Verschluss‘ gehalten werden. Dennoch besteht auch die Gefahr, dass böswillige und haltlose Anschuldigungen von Schutzbefohlenen gegen Lehrer und Erzieher vorkommen können. Die Entlastung und die Rehabilitation betroffener Lehrer gestaltet sich oftmals als schwierig. Daher ist es Aufgabe der Staatsanwälte genau zu prüfen, ob Verstöße vorliegen und diese dann auch konsequent zu verfolgen“, sagte Frau Dr. Erika Risse gegenüber der EP.
Betroffenheit und Enttäuschung bei Schülern und Lehrern
Die Betroffenheit über die Vorgänge in der Schule Marienau war den anwesenden Schülerinnen und Schülern ebenso deutlich anzumerken, wie die Enttäuschung bei der Schul- und Internatsleitung. „Er war ein beliebter, kompetenter und hilfsbereiter Lehrer, der sich für uns Schüler eingesetzt hat“, sagte die 17-jährige Friederike. „Der Kollege hat durch sein Handeln die gemeinschaftliche Arbeit verraten und er hat seine Vertrauensstellung im Internat missbraucht“, machte der stellvertretende Internatsleiter Matthias Ratzlaff deutlich und ließ durchaus Selbstzweifel aufkommen, warum nicht schon früher etwas bemerkt wurde. Deutlich wurde durch die Ausführungen von Prof. Dr. Fause, wie schwierig die Gratwanderung für Erzieher und Pädagogen ist, in der Grauzone zwischen der Abhängigkeit von Schutzbefohlenen, des erforderlichen Vertrauens sowie der notwendigen Distanz ist. „Um künftig besser auf eventuelle Konflikte reagieren zu können, haben wir eine Reihe von Maßnahmen mit dem Trägerverein abgesprochen“, sagte Schulleiterin Elz. Bereits vor den Ereignissen der letzten Woche in Marienau hatte sich die Schulleitung kompetente Unterstützung von außen geholt. Ein pensionierter Richter wird künftig als ‚Ombudsmann‘ Vermittler in Krisensituationen sein und in Kürze seine Arbeit in Marianeu aufnehmen. -EP-Redaktion/jw-
