Paul Gauguins Suche nach dem verlorenen Paradies

Der Kunsthistoriker Dr. Hans Thomas Carstensen im Gespräch mit Besuchern seines Vortrags über Paul Gauguin
Bleckede. Etwas Wärme in den kalten norddeutschen Winter brachte der Kultur- und Heimatkreis mit einem Vortrag über den Maler Eugène Henri Paul Gauguin (1848-1903), den der Kunsthistoriker Dr. Hans Thomas Carstensen am letzten Freitag im mäßig gut besuchten Schlosssaal hielt. An wohlige Wärme denkt man unweigerlich, weil der Spätimpressionist vor allem durch seine Südseebilder berühmt wurde. Doch der Referent nahm den Faden von Gauguins Lebensgeschichte im Jahre 1888, mitten im winterlichen Arles auf. Dort lebte und arbeitete Gauguin mit Vincent van Gogh zusammen. Doch die Künstlergemeinschaft, die von Anfang an durch ständige Konflikte belastet war, hielt nur zwei Monate. Nach einem heftigen Streit, bei dem van Gogh mit einem Rasiermesser auf Gauguin losging und sich anschließend selbst einen Teil eines Ohres abschnitt, gingen die beiden Maler getrennte Wege. Auch wenn die beiden Maler aufgrund ihrer extremen Persönlichkeiten nicht zueinander passten, scheint kein anderer Gauguin besser gekannt zu haben als Vincent von Gogh, vermutet der Referent. „Sie sind auch bloß ein Unglücklicher wie ich“, soll van Gogh einmal an Gauguin geschrieben haben. „Und er hatte vermutlich Recht“, so Dr. Carstensen.
Der 1848 in Paris geborene Gauguin verbrachte seine ersten Lebensjahre in Lima, Peru. Nach der Rückkehr der Familie nach Frankreich 1853 wurde der Halbwaise - sein Vater war bereits auf der Reise nach Lima gestorben - in ein Internat in Orléans geschickt. Mit 17 Jahren brach er die Schule ab und trat als Offiziersanwärter in die Handelsmarine ein. Auch diese Ausbildung beendete er ohne Abschluss. Nach dem frühen Tod seiner Mutter fand er auf Vermittlung seines Vormunds Gustave Arosa eine Stelle in einer Bank. Er arbeitete sehr erfolgreich als Börsenmakler und konnte sich bald einen luxuriösen Lebensstil leisten. 1873 heiratete er die Dänin Mette-Sophie Gad, mit der er fünf Kinder haben sollte. Durch seinen Vormund Gustave Arosa, der auch Kunstsammler war, lernte Gauguin die Maler seiner Zeit kennen. Er machte die Malerei zu seinem Hobby und nahm privaten Malunterricht, unter anderem bei Camille Pissarro. Nach dem Börsencrash 1882 verlor Gauguin seine Arbeit, und er beschloss, fortan nur noch künstlerisch tätig zu sein. Doch seine Rechnung, dass er damit seine Familie ernähren könnte, ging nicht auf. Nach der Trennung von seiner Frau, die zu ihren Eltern nach Kopenhagen zog, lebte Paul Gauguin eine Zeitlang in dem Künstlerdorf Pont-Aven, wo er unter den dort lebenden Malern Anerkennung fand. Trotz der erfolgversprechenden Teilnahme an einigen großen Ausstellungen, konnte der launische, streitlustige Zeitgenosse seinen Lebensunterhalt aber auch weiterhin nicht von der Malerei bestreiten.
Angewidert von der bürgerlichen Gesellschaft zog es Gauguin 1891 nach Tahiti. In der Südsee hoffte er, seinen Traum von einem einfachen Leben in einem Paradies erfüllen zu können. Doch schnell holte ihn die Realität ein. Längst hatte die Insel durch die Kolonialherrschaft und die Christianisierung durch Missionare ihre Unberührtheit und Unschuld verloren. Dessen ungeachtet malte Gauguin Bilder, die den Menschen in Europa ein paradiesisches Leben in der Südsee vorgaukelten. „Gauguin der von klein auf in einer Art Traumwelt lebte, schaffte es Zeit seines Lebens nicht, eine klare Trennlinie zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu ziehen“, so Dr. Carstensen. So spiegeln seine Südsee-Bilder nicht die Wirklichkeit wieder, sondern bilden eine farbenprächtige, exotische Welt ab, wie er sie sich in seiner Phantasie vorstellte. Gauguin malte zunächst im Stil des Impressionismus, der auch seine Malerfreunde und sein Lehrer Camille Pissarro verpflichtet waren. Seine Kompositionen sind großflächig, die Gesetzmäßigkeiten der Perspektive bleiben unbeachtet. Wie die anderen Impressionisten sind auch Gauguins bevorzugte Motive Landschaften, die er in kräftigen Farben gestaltete. Er malte auch religiöse Motive wie „Der Kampf Jakobs mit dem Engel“. Erst in den Jahren in der Südsee fand Gauguin seinen eigenen Stil, mit dem er zu einem Wegbereiter der Malerei des 20. Jahrhunderts wurde. Auf Tahiti malte er Menschen, eingebettet in eine paradiesische, unberührte Umgebung, wie es sie schon längst nicht mehr gab. Sein Leben war geprägt von ständiger Geldnot und schweren Krankheiten, lange Zeit litt er unter einer Syphilis. Erst in seinen letzten Lebensjahren konnte sich Gauguin ein bescheidenes Auskommen finanzieren. Der Maler starb am 8. Mai 1903 auf der Insel Hiva Oa (Marquesas).
Dr. Carstensen versteht es, seine Zuhörer mit seinen kunsthistorischen Ausführungen, in einem leicht verständlichen Holsteiner Plattdeutsch zu fesseln. Dabei gibt er tiefe Einblicke in die Persönlichkeit und Entwicklung des Künstlers, ohne die Zuhörer zu überfordern. Die Sprechpausen des Referenten füllte der Gitarrist Jürgen Schröder mit leicht fließenden Improvisationen und Phantasien auf der Gitarre, die häufig lateinamerikanisch inspiriert sind. Das gab dem Publikum Gelegenheit, die Informationen zu verarbeiten und die Bilder auf der Leinwand auf sich wirken zu lassen. Am Ende des Vortrags bedankte sich das Publikum bei den Gestaltern des Abends mit langem Applaus. Nach diesem dritten Vortrag mit Dr. Carstensen war klar, dass das Abo auf seine Kunst-Geschichten verlängert wird. Der Referent sagte gerne zu, dass er im nächsten Jahr wieder nach Bleckede kommt, vielleicht mit Rembrandt oder Liebermann oder einem anderen Maler nach Anfrage. -EP-Redaktion/swr-
