12.11.2009

Mauern gibt es immer noch ...

Im Verlauf der Gedenkfeier wurde eine ‚Mauer’ auf- und abgebaut und Kerzen aufgestellt, als Zeichen für den friedlichen Protest.

Im Verlauf der Gedenkfeier wurde eine ‚Mauer’ auf- und abgebaut und Kerzen aufgestellt, als Zeichen für den friedlichen Protest.

Bleckede. Wer die Jugend von heute nach der ‚Mauerzeit’ und dem damit verbundenen historischen Ereignis von 1989 fragt, erwartet zunächst wohl keine allzu ausführliche Resonanz, schließlich waren die meisten der Befragten zu diesem Zeitpunkt gerade erst eine Idee in den Köpfen ihrer Eltern.

Auf der kleinen Gedenkfeier des Schulzentrums Bleckede am Montagmorgen bewiesen Schülerinnen und Schüler der 8. bis 10. Klasse hingegen, dass sie sehr wohl eine Vorstellung davon besitzen, was es bedeutet, mit einer Mauer zu leben. Die Veranstaltung zum 20. Jahrestag des Berliner Mauerfalls leitete Schulpastorin Uta Nadira Giesel, tatkräftig unterstützt von einigen Schülern: Diese bauten zu Beginn der Feier eine kleine Mauer in der Sporthalle auf und erzählten ihren rund 180 versammelten Mitschülern, welche „Mauersteine“ ihnen heute das Leben schwer machen - Dieses Gefühl, wenn man nach einem Streit nicht mehr miteinander redet oder wenn man sich neben der Mitschülerin mit den neusten Sachen so klein vorkommt, wenn man sich von einer Gruppe ausgeschlossen fühlt oder man nicht weiß, wie man mit den ausländischen Nachbarn umgehen soll.

„Mauern gibt es heute immer noch!“, fasste Giesel die Worte der Schüler zusammen und ergänzte sie um aktuelle, politische Mauern, wie die Sperranlage durch Israel, den Zäune in Texas oder der Grenze zwischen Nordafrika und Südeuropa. Auf die Frage, wie man solche Mauern überwinden könne, gebe die Geschichte und die Taten vieler Menschen, die den Mut besaßen zu protestieren, eine Antwort, so Giesel weiter.

Unterdessen bauten die Schüler die Mauer ab - an ihre Stelle wurden Kerzen gesetzt. Denn: „Der Protest begann damals in den Kirchen“, erklärte Giesel und erzählte von den ersten Friedensgebeten, Anfang der 1980er Jahre, und den Menschen, die nur „mit Kerzen bewaffnet“ gemeinsam durch die Straßen zogen, um Freiheit zu fordern. „Wir hatten mit allem gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“, hieß es damals von Seiten der Staatssicherheit. Dieser hartnäckige, aber friedliche Protest habe die Mauern rissig gemacht, sagte Giesel.

Zum Abschluss der Gedenkfeier wurde ein Film über die Nacht des 9. November 1989 in Berlin vorgeführt. Wer glaubt, dass sich die heutigen ‚Halbstarken’ nur über die ‚Vokuhila-Frisuren’ und die feuchtfröhlichen Ausschweifungen in den Filmaufzeichnungen amüsiert haben, der hat nur zum Teil recht. Denn spätestens als einige Lehrer bei dem Anblick der Bilder im Zusammenspiel mit dem Song der Scorpions ‚Wind of Change’ glänzende Augen bekamen oder sich gegenseitig in den Arm nahmen, war dieses Ereignis für einen kurzen Moment auch für die Schüler greifbar und so sprang der Funke über, auch die Schüler verfielen der andächtigen Stimmung.

Schulpastorin Giesel lag auch persönlich sehr viel daran, dass dieser Tag deutscher Geschichte bedacht wurde und die Schüler darüber informiert werden. „Meine Eltern konnten 1959, vor dem Bau der Mauer, aus der DDR fliehen, aber meine Großeltern lebten dort, was sehr belastend für uns war. Deswegen habe ich das Glück vom 9. November ’89 ganz besonders erlebt“, berichtete Giesel. „Ich finde, dieses Ereignis sollte viel häufiger unterrichtet werden, damit es auch weiterhin in Erinnerung bleibt. Die Schüler sollen lernen auch in Zukunft die Augen zu öffnen, wo Mauern existieren, und den Mut haben, sich einzusetzen und eine friedliche Lösung zu finden, diese zu überwinden.“ –EP-Redaktion/cb-

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