Madame Jacobi muss zur Kur

Dicht an dicht: Die Pfeifen im Inneren der St. Jacobi-Orgel. Im hinteren Bereich eine Reihe Holzpfeifen. Links lauscht Organist Heine mit Stimmeisen.
Bleckede. „Das klingt doch alles wunderbar!“ Wer die Orgel der St. Jacobi-Kirche letzten Sonntag beim Weihnachtskonzert zu Ohren bekommen hat, hörte sie majestätisch-volltönend, glitzernd-perlend, geschmeidig-elegant in der Begleitung oder kontrastreich-rustikal - nur eines nicht: angeschlagen und kränklich. „Irrtum“, sagt Organist Jan Peter Heine.
Er kennt „seine“ Orgel seit vierzehn Jahren. Dass das gute Stück mittlerweile manchmal verschnupft ist und zu Geräuschen neigt, die zu einem ordentlichen Pfeifenklang nicht dazu gehören, ist ihm nicht verborgen geblieben.
Von außen betrachtet, sieht die 1715 erstmals urkundlich erwähnte Barock-Orgel prächtig aus. Allein oberhalb des rechten Pfeifenturmes erkennt man eine ‚Zahnlücke’, ein fehlendes Glied in der hölzernen Verzierung. Das eigentliche Herz der alten ‚Madame Jacobi’ verbirgt sich hinter dem Prospekt. Hier stehen die rund 1500 Holz- und Metallpfeifen auf engstem Raum und hier gibt es alles, was sich trotz der schützenden Außenhülle in gut vierzig Jahren überall ansammelt: Staub und Dreck, der bis in die kleinste Ritze vordringt. So wuchtig die Königin der Instrumente von außen daher kommt, so filigran ist sie im Inneren aufgebaut. Unzählige schmale Holzleisten, lederne Abdichtungen, Ventile und metallene Federn sorgen für eine reibungslose Verbindung zwischen den Tasten, den Pfeifen und der für den Klang nötigen, gezielt gelenkten Luft. Das sind viele Ansatzpunkte für das, was die letzte fachkundige Inspektion als Diagnose an den Tag gebracht hat: Verschleiß, Abnutzung, brüchige Teile. Eine Grundreinigung und Teilrenovierung ist dringend nötig. Wer einmal ins Innere der Orgel geschaut hat, kann sich vorstellen, wie viel Arbeit das sein wird. Ohne Spezialwerkzeug, hoch spezialisierte Handwerker und reichlich geduldiges Fingerspitzengefühl geht hier gar nichts.
„Es ist mit der Orgel wie beim Menschen“, erklärt Heine, „auch, wenn man zunächst noch nicht viel merkt - spätestens, wenn die ersten Beschwerden kommen, sollte man etwas für die Gesundheit tun, bevor sich die Symptome zu einer richtigen Krankheit ausweiten.“ Leider gibt es für Orgeln keine Krankenversicherung für Zahnsanierung und Kur. Auch wenn die Kirchengemeinde und die Landeskirche ihren Teil zu den Kosten beitragen werden: Um gute 60.000 Euro zusammen zu bekommen, braucht die St. Jacobi-Orgel noch mehr Hilfe.
Kreiskantor und Organist Heine ist zuversichtlich, dass sich die Orgel mit ihrem Klang auch bei Menschen über den engeren Gemeindekreis hinaus Freundinnen und Liebhaber gemacht hat. „Ob anlässlich einer Trauung, eines Gottesdienstes oder bei Konzerten, ich merke immer wieder, wie sehr die Orgel und ihre Musik hier in der Region wahrgenommen und geschätzt wird.“ ‚Madame Jacobi’ steht in einer langen Reihe der Tradition norddeutscher Orgelkultur. Über ZUSA gelangte sie ins Radio, beim Georg Böhm-Orgelwettbewerb bot sie sich mehrfach als Klangkörper für ehrgeizige Spitzenorganisten an. In dieser Jahreszeit sorgt sie für weihnachtliche Stimmung, im Frühjahr motiviert sie zu österlicher Freude. Sie bringt Menschen zum Singen, begeistert Anfänger am Instrument für Musik von Bach bis Reger, begleitet den Kinderchor und macht mit ihren Tönen die Weite des Raumes erfahrbar.
Heine selber kann von der ihm anvertrauten Orgel nur schwärmen: „Sie hat eine wirklich große Klangfülle. Selbst Musik der Romantik und neuere Musik lassen sich auf ihr gut darstellen.“ Besonders gerne hat der Musiker die gut ausgebauten Reihen der Zungenpfeifen, die Trompeten, den Dulcian, das schnarrende Krummhorn und die klare Posaune. Dazu die zarten vier Fuß hohen Blockflöten, den Zimbelstern und, und, und ...
Ende der sechziger Jahre, als die alte Orgel in mehreren Abschnitten von Grund auf renoviert wurde und ihr heutiges Erscheinungsbild nach historischem Vorbild erhielt, stand die Kirchengemeinde vor einer noch größeren Herausforderung. Und wie so oft beim ‚Aufräumen’ fand man damals ein richtiges Schätzchen im Inneren der Orgel, ein altes Dokument. Es besagt, dass es einst vor allem die Zolleinnahmen aus der Elbeschifffahrt waren, die zur Finanzierung des Baus der Orgel beigetragen hatten. Dieses Dokument hat Heine gerahmt und über seinem Arbeitsplatz, den Spieltisch der St. Jacobi-Orgel gestellt. –EP-Redaktion/lh-
