Land und Leute Ostpreußens
Bleckede. Gibt es typische ostpreußische Literatur? Dies bejaht die Lüneburger Schauspielerin und pensionierte Lehrerin Ute Gerull, die am ersten Advent im Bleckeder Schlosssaal auf Einladung des Kultur- und Heimatkreises eine ostpreußische Lesung gestaltete, ohne Einschränkung. Denn Ostpreußen, das Land der dunklen Wälder, verwunschenen Seen und der berühmten Trakehner, hat auch viele besondere Menschen hervorgebracht. Seine Dichter, Philosophen, Musiker und Maler haben das geistige Leben in der ganzen Welt beeinflusst. Ute Gerull, selbst gebürtige Ostpreußin, präsentierte den fast 70 Besuchern an diesem Abend eine hübsche Auswahl typischer ostpreußischer Dichtkunst. Mit den Texten von Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Agnes Miegel, Siegfried Lenz, Hermann Sudermann, Simon Dach, Paul Fechter, Arno Surminski und Ruth Geede, die sie vorlas oder auch auswendig rezitierte nahm sie die Zuhörer mit nach Königsberg, zu den Ostseebädern Cranz und Rauschen, nach Masuren, Samland und an die Kurische Nehrung. Die Dichter hinterließen mit ihren Schriften nicht nur wunderbare Schilderungen ostpreußischer Landschaften, sondern sie porträtierten damit auch die Seele der Ostpreußen, ihre Lebensart, ihren besonderen Humor und ihren gelassenen Charakter. Besonders schön war es, wenn Ute Gerull in dem gemütvollen ostpreußischen Dialekt sprach, den sie als Kind von ihren Eltern und Großeltern abgehört hat.
Mehr als zwei Stunden lang - nur unterbrochen von zwei Tee- oder auch Glühweinpausen - unterhielt die Vortragende ihr entspannt lauschendes Publikum und entführte es in eine längst versunkene Welt. Sicherlich war auch der eine oder andere unter den Besuchern, der seine Wurzeln in Ostpreußen hat und bei ihrer Lesung ein bisschen wehmütig wurde. Ute Gerull trug eine lustige Liebesgeschichte von Siegfried Lenz vor, las aus den Briefen einer ‚Amanda’(von Agnes Miegel), die sich als ‚Marjell’ in der Hauptstadt Königsberg verdingt hatte, und stimmungsvolle Gedichte von Simon Dach und Hermann Sudermann. Sehr schön war auch Ruth Geedes literarische Huldigung an die Kunst des Marzipanbackens, die in Ostpreußen in vielen Haushalten gepflegt wurde. Von der gleichen Autorin stammte auch die humorvolle Weihnachtsgeschichte, ‚Weihnachtsmänner en gros’. Passend zum Adventsbeginn rezitierte Ute Gerull abschließend den Text des bekannten Weihnachtsliedes ‚Macht hoch die Tür, die Tor macht weit’, der von dem Königsberger Pfarrer Georg Weißel während des 30-jährigen Krieges verfasst wurde. Der Anlass war die Einweihung der Kirche im Stadtteil Altroßberg, und auch darum rankte sich noch einmal eine anrührende kleine Geschichte. Das Publikum bedankte sich bei der Künstlerin für den gelungenen Vortrag mit herzlichem Applaus. -EP-Redaktion/swr-

