Kommt die Elbbrücke oder nicht?

Volker Ottenströer versprühte kein Argumentationsfeuerwerk für den Bau einer Elbbrücke bei Neu Darchau. Vielen Ausschussmitgliedern fehlten detaillierte Zahlen in dem Bericht, der aus zeitlichen Gründen gekürzt wiedergegeben wurde.
Lkr. Lüneburg. Volles Haus im Sitzungssaal des Landkreises am vergangenen Freitag. Soviel Aufmerksamkeit genießt der Ausschuss für Wirtschaft, Touristik, Verkehrsplanung und ÖPNV selten – allerdings doch dann, wenn es um das Thema der geplanten Elbbrücke bei Neu Darchau geht. Da wurden in den letzten Jahren viel Papier und viele Gedanken bewegt, ohne eindeutiges Ergebnis. Im letzten Jahr wurden weitere Gutachten beim Hamburger Büro Georg und Ottenströer in Auftrag gegeben. Sie sollten mehr Licht ins Dunkel bringen. Zum einen ging es um eine Analyse der regionalwirtschaftlichen Auswirkungen eines Brückenbaus, zum anderen um ein machbares Handlungskonzept. Dazu gehörten auch die Ergebnisse einer durchgeführten Haushaltsbefragung und eine städtebauliche Bewertung.
Volker Ottenströer ging in seinem Vortrag zunächst auf die regionalen Verbindungen ein, die sich durch eine Elbquerung verbessern würden. So würde sich der Weg zu den Grundzentren Bleckede, Hitzacker und Dahlenburg verkürzen. Auch die Versorgungsfunktion durch das Oberzentrum Lüneburg würde besser. Pendelten die Einwohner bis jetzt eher in Richtung Ludwigslust und nur ein geringer Strom in Richtung Lüneburg, würde sich das durch eine Brücke allmählich ändern. Damit ließe sich, so die Prognose, ein weiterer Bevölkerungsrückgang im Ostkreis zumindest abschwächen, da er für Pendler Richtung Lüneburg und auch Hamburg attraktiver würde.
Zurzeit bildet die Elbe eine starke Barriere für die Pendlerströme und, so Ottenströer: „Mangelnder Austausch führt zu wirtschaftlichem Verlust.“ Eine Brückenquerung brächte einen Anstieg der Immobilienwerte durch bessere Erreichbarkeit zwischen Wohn- und Arbeitsort und der Tourismus würde durch mehr Tagesausflügler belebt. Vor allem würden Darchau, Tripkau und Neuhaus von einer Brücke profitieren.
Anschließend stellte Achim Georg die Ergebnisse der Haushaltsbefragung vor. Dabei wurden 145 Haushalte erfasst. Die Antworten waren sehr individuell, zeigten aber die Tendenz, dass alteingesessene Einwohner die Brücke befürworten, während Zugezogene sie eher ablehnen. Für die Befürworter ist eine kontinuierliche, zeitlich unbeschränkte Querung der Elbe ein positiver Aspekt (die letzte Fähre fährt gegen 21 Uhr). Weiterhin ist den Befürwortern eine gesicherte Grundversorgung wichtig (Arzt, Schule, Apotheke, Kindergarten, Einkaufsmöglichkeit).
Gegner der Brücke fürchten mehr Verkehr und Lärm, eine Störung des Orts- und Landschaftsbildes und den Verlust der Fähre als touristischer Attraktion. Befürworter und Ablehner halten sich in etwa die Waage.
In der sich anschließenden Diskussion hatte der neue Vorsitzendes des Ausschusses, Harald Heuer (CDU), alle Hände voll zu tun, die Aussprache nicht ausufern zu lassen und dennoch die vielen Redebeiträge zum Zuge kommen zu lassen. Einhellig war der Tenor, dass eigentlich nicht viel Neues zu Gehör gebracht worden war.
Petra Kruse-Runge von den Grünen betonte, dass „Impulse nicht nur an die Verkehrswege gekoppelt sein dürfen. Dies bringt nur punktuell positive Ergebnisse. Alles weitere ist ein frommer Wunsch.“ Fraktionskollege Oliver Glodzei sprach sich gegen die Investition von 60 Millionen Euro aus, „…nur damit ein Lidl und Aldi dort bauen“. Er forderte eine detaillierte „Kosten-Nutzen-Analyse“ und Björn Adam schlug in die gleiche Kerbe: „Das Gutachten ist kein Feuerwerk für die Brücke. Es kann lediglich den negativen Trend stoppen.“ Die Grünen lehnen als einzige den Bau der Brücke völlig ab.
SPD-Mann Franz-Josef Kamp hatte sich mehr vom Gutachten versprochen. Birte Schellmann (FDP) stellte einmal mehr fest, dass die Brücke viel zu spät komme, „…aber sie muss kommen“. Inge Schmidt von der CDU sprach sich für die Brücke aus. Nur so lasse sich der negative Trend im Ostkreis aufhalten. Und Bernd Jaschke von den Linken sah in dem Gutachten „sieben Gründe für den Bau einer Brücke und nur einen Grund dagegen.“ Landrat Manfred Nahrstedt schließlich versprach, als leidenschaftlicher Befürworter der Brücke, sich weiter dafür einsetzen: „Es ist klar, dass die Brücke schneller hätte kommen müssen.“ Rechtlich sei die Brücke bis jetzt nur aus Formgründen abgelehnt worden.
So bleibt weiterhin alles offen im Ringen um eine Entscheidung. Die Gutachten werden nun in den Fraktionen besprochen und dann geht es in die nächste Diskussionsrunde. -EZ-Redaktion/stb-
Kommentar
Und noch immer ist der gordische Knoten nicht durchtrennt. Kommt die Brücke, kommt sie nicht – alles ist offen. Da wird der Faktor Wirtschaft beleuchtet, sehr intensiv auch der Faktor Tourismus; betrachten wir doch schlicht mal den „Faktor Mensch“.
Ja, die Menschen wollten nach der Wende zu Niedersachsen gehören. „Selber schuld“, wird ihnen jetzt hohnvoll zugerufen. „Ihr wolltet es ja so. Das habt ihr nun davon.“ Welche Arroganz, welche Ignoranz.
Dieser Landstrich gehörte schon zu DDR-Zeiten nicht zu den privilegierten – vernachlässigtes Zonenrandgebiet. Nicht Wandlitz, wo Honecker und Konsorten ihre „Wochenendhäuschen“ hatten mit Swimmingpool, Sauna und Teakholzparkett. Vor dem Haus den Liepnitzsee, zu Wendezeiten der sauberste See Deutschlands! Mit vierspurig ausgebauter Straße, damit die Oberen am Wochenende möglichst schnell dem Berliner Trabi-Verkehr entkommen konnten, fein abgeschirmt durch grüne Mauern im Wald, so dass man den dort praktizierten real existierenden Sozialismus als normaler Bürger nicht begutachten konnte. Nach der Wende staunte der Besucher umso mehr. Heute gehört alles zu einem Reha-Klinik-Komplex.
Die Amt Neuhauser sind auch nicht Bitterfeld – mit Vorzeigeindustrie – und damit Arbeitsmöglichkeiten und intakter Infrastruktur. Wer wollte es ihnen nicht verdenken, dass sie nach der Wende zu Niedersachsen gehören wollten und den Elbestrom nicht als das größte Hindernis ansahen.
Bezeichnend ist doch ein Ergebnis des Gutachtens, das die Herren Ottenströer und Georg vorstellten. Die „Zugezogenen“ in Amt Neuhaus lehnen die Brücke überwiegend ab, die Alteingesessenen befürworten sie. Ja, der Berliner, gemeint ist der „Westberliner“, er brauchte bis 1989 seine Fluchtmöglichkeit in die Freiheit, denn Berlin war eine Enklave des Westens ohne Umland. Da fuhr man, oft ausgebremst durch diverse Schikanen, über die alte B 5, später über die Autobahn, Richtung Niedersachsen und noch weiter.
Jetzt aber, und das schon seit über 20 Jahren, hat Berlin ein wunderbares Umland, genannt Brandenburg, mit sehr viel ursprünglicher Natur, unberührten Ecken und, wenn gewünscht, ungestörter Ruhe. Es gibt also für den Berliner ausreichend Alternativen zu Amt Neuhaus und Niedersachsen.
Natürlich müsste für die Brücke ein Teil Natur weichen und natürlich nähme auch der Verkehrsstrom zu. Dennoch bleibt der Landstrich trotzdem attraktiv und idyllisch genug. Was wäre verkehrt daran, wenn er dank vorteilhafter Verkehrsverbindungen Neubewohner und mehr Touristen anziehen würde. Und auch die Elbfähre muss nicht eingehen, sie kann ein touristischer Anziehungspunkt bleiben.
Natürlich ist die Brücke teuer und die Unterhaltungskosten ziehen noch einmal einen Rattenschwanz an Kosten nach sich. Aber es ist die große Chance, den Menschen, die seit Jahrzehnten dort vernachlässigt wurden, eine Entschädigung zukommen zu lassen und den Landstrich entscheidend zu beleben. Denn was nützt die für den Touristen unendlich schöne unberührte Landschaft, wenn er nicht so recht weiß, wie er dorthin kommen soll und welches Dach er über dem Kopf haben wird, abgesehen von weiteren Annehmlichkeiten wie Restauration, Wellness usw., die man sich als Urlauber schon manchmal wünscht.
Das wäre dann alles eine Frage des Faktors Marketing. Die Einwohner von Amt Neuhaus hätten bestimmt Ideen genug, denn wo Mangel herrscht, da herrscht auch ein großes Potential an Kreativität und Erfindungsreichtum.
Stephanie Berggötz
