29.06.2010

„Jetzt bin ich immer noch Margot Käßmann, ohne Bischöfin zu sein“

Margot Käßmann, die zurzeit beliebteste Theologin Deutschlands, las in der Lüneburger  Buchhandlung Am Markt.

Margot Käßmann, die zurzeit beliebteste Theologin Deutschlands, las in der Lüneburger Buchhandlung Am Markt.

Lüneburg. Die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann ist auf Lesetour, stellt an fünf Orten im Bereich ihrer Landeskirche im kleinen Rahmen ihr 2009 erschienenes Buch „In der Mitte des Lebens“ vor, das nun schon in der vierten Auflage vorliegt. Ein Bestseller und Lebensberater, besonders für Frauen, aber nicht nur. Die 85 Eintrittskarten zu der Lesung in der Lüneburger Buchhandlung Am Markt waren innerhalb einer halben Stunde ausverkauft und wie sich zeigte, war auch ein beträchtlicher Teil männlicher Besucher dabei. Margot Käßmann verzichtete übrigens auf ihr Honorar, die Einnahmen sollen der Stiftung Diakonie zugute kommen. Die Popularität von Margot Käßmann, die von 1999 bis 2010 Landesbischöfin in Niedersachsen und 2009/2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland war, ist ungebrochen. Noch eher ist sie seit dem konsequenten Niederlegen all ihrer kirchlichen Ämter, nach einer Alkoholfahrt mit dem Auto, noch gestiegen. Der Inhaber der Buchhandlung am Markt, Jan Orthey, begrüßte die beliebte Theologin und stellte sie - eigentlich wäre es ja nicht nötig gewesen - dem Publikum vor. Synodenpräsident Jürgen Schneider habe sie einmal „Bischöfin des Herzens“ genannt, erklärte Orthey. Gegen diese Bezeichnung habe die 52-Jährige zwar nichts einzuwenden gehabt, aber sie habe auch bescheiden erwidert: „Ich wollte niemals jemand anderes sein als Margot Käßmann. Jetzt bin ich immer noch Margot Käßmann, ohne Bischöfin zu sein“, zitierte Orthey die ehemals höchste Amtsinhaberin der Evangelischen Landeskirche. Gelöst und heiter wirkt Margot Käßmann, gerade so, als hätte sie die Politiker- und Medienschelte, die sie immer wieder für ihre sehr offen formulierte Meinung zu aktuellen Themen wie etwa den Afghanistan-Einsatz bekam, schon weit hinter sich gelassen. Gelöst auch trotz oder gerade wegen ihrer aktuellen Lebenssituation - ohne Kirchenamt und ohne Dienstwohnung, die jüngste Tochter ist auch gerade ausgezogen - ganz neu anfangen zu können, im Januar nächsten Jahres. Aber was sie tun wird, ist noch alles offen. Aber wiederkommen aus Amerika, wo sie ab August als Gastdozentin an einer Uni arbeitet, werde sie bestimmt, erklärte Käßmann auf Nachfrage eines Zuhörers. Etwas über eine Stunde liest und erzählt Margot Käßmann aus ihrem Buch, das Fragen behandelt, die sich in der so genannten Mitte des Lebens stellen, „ein Zeitpunkt, zu dem wir unsere Mitte in der Regel schon überschritten haben“, so die Autorin. Sie berührt darin Themen wie das Loslassen der Kinder, die Begleitung der Eltern, das eigene Älterwerden, den Umgang mit Schönheit, mit Scheitern und mit Krankheit. Auch die Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod nimmt einen großen Raum ein. Es ist ihre ganze spezielle Art des Erzählens, mit der Käßmann ihre Zuhörer gefangen nimmt, eine Mischung aus selbst Erlebtem, theologischen, nicht zur tief gehenden Wahrheiten und einem gesunden Schuss Humor. Zudem macht sie vor, auch mal über eigene Fehler und Schwächen zu lachen. Ganz still war es im Zuhörerraum, als Käßmann noch einmal ausführlich über ihre eigene Krebserkrankung sprach, wie sie von der Diagnose bis zur Operation und darüber hinaus damit umging und - geht, und von ihrer Ängsten. Damit hat sie bestimmt vielen Zuhörern, die schon einmal Ähnliches erlebten, aus der Seele gesprochen. Immer wieder betont die Autorin von der Bedeutung, eine gute Balance, die eigene Mitte zu finden in den verschiedenen Anforderungen des Lebens. Zum Beispiel wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Natürlich habe sie Trauer und Wehmut empfunden, als die Zeit des Familienlebens mit dem Auszug der Kinder vorüberging, aber sie sei auch froh gewesen, von vielen Verantwortungen befreit zu sein und sich neuen Dingen zuwenden zu können. Zu den körperlichen Veränderungen beim Älterwerden sagte sie, dass man einen gelasseneren, freundlicheren Blick auf den eigenen Körper werfen dürfe. „Wie sagt meine Kosmetikerin immer so tröstlich: Zurück können wir nicht, aber wir können den Ist-Zustand so lange wie möglich halten“, schmunzelte Margot Käßmann. Die Mitte des Lebens halte aber noch vieles bereit und berge die Chance, mutiger, freier und gelassener zu werden, so ihr Fazit. Wichtig bleibe dabei, eigene Grenzen und Begrenzungen zu erkennen und Kraftquellen im Alltag zu finden. Zu den „Wüstenzeiten“ - Trauer, Krankheit und Einsamkeit - die jeder Mensch irgend wann einmal erlebt, sagte Käßmann: „ Mir ist es wichtig, die schweren Zeiten nicht als verlorene Zeit zu sehen, sondern als Zeit der Reife. Die Tiefe des Lebens erfahren wir gerade in Zeiten von Angst, Krankheit und Konflikt“. In der Wüste gehe es um den Mut, nur sich selbst und Gott gegenüber zu stehen, um Klärung zu finden. „Aber aus solchen Zeiten der Klärung können wir gestärkt hervorgehen, uns neu orientieren und mit frischem Mut nach vorn weiterleben“, machte die Theologin, die ganz bestimmt weiß, wovon sie spricht, den Zuhörern Mut. Nach einer Signierstunde ging es für Käßmann zurück nach Hannover. Ihre nächsten Lesungen sind am 15. Juli in Scheeßel im Autohaus Holst und am 19. Juli in Freiburg, in der Ludwigskirche. Danach ist Margot Käßmann wie gesagt „erst mal weg“ in Atlanta. –EP-Redaktion/swr-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue