12.11.2009

Grenze ohne Grenze

Popelau/Konau. Rund 300 Menschen, ehemals Betroffene und immer noch staunende Zaungäste, und starke Emotionen kamen am Montag in Popelau am ehemaligen Grenzturm zusammen. Damit ihre Geschichte nicht ganz aus den Augen verloren wird, hat man ein Stückchen Grenze im ehemaligen Grenzgebiet als Mahnmal wieder aufgebaut. An dieses Stück Grenze ohne Grenze hatte der Landkreis zu einer Gedenkfeier aus Anlass des 20. Jahrestages der Grenzöffnung eingeladen. Auch nach zwei Jahrzehnten will sich noch keine Routine einstellen, deutlich spürbar werden Gefühle wieder wach. Landrat Manfred Nahrstedt begrüßte die Anwesenden und gestand ein, dass auch er immer noch Dankbarkeit empfindet, dass diese Revolution aus dem Volk so friedlich und ausdauernd dafür gesorgt hat, dass die Trennung der Kulturen und Familien von den Regierenden der DDR nicht aufrecht erhalten werden konnte. Es waren nicht nur das Volk, sondern auch mutige Politiker beispielsweise in Ungarn, die den Druck der Demonstrationen richtig gedeutet und dem unübersehbaren Willen des Volkes ein Ventil verschafft haben. Junge Menschen, die die Trennung des deutschen Staates nicht erlebt haben, können nicht in Ost-West denken, sie denken nur an Deutsche, und das ist gut so.

Pastor Bernhard Ullrich fand tröstende Worte im Psalm 18 und Psalm 85, um seine Dankbarkeit zu beschreiben, die er als Christ in der damaligen Entwicklung empfunden hat und für die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden möge. Der ehemalige Landrat Wolfgang Schurreit, Mitglied des Lüneburger Landtages in der Wendezeit, und der Augenzeuge Jürgen Elvers, der als Bürger und Politiker an Wiederaufbau und Zusammenführung beteiligt war, berichteten von den damals bestehenden Realitäten und Befürchtungen um den 9. November 1989, als die Angstmacher selber Angst bekamen. Kaum jemand traute sich, selbstbewusst die Grenze zu überschreiten oder die Öffnung der Zäune zu verlangen. Durfte man zurückkommen, wenn man jetzt auf die andere Seite ging oder fuhr? In Berlin waren die Übergänge schnell geöffnet, denn es drängten Tausende und skandierten ihre Forderungen und konnten sich in der Masse geschützt fühlen. Die kleinen Menschengruppen an der Elbe in dieser Region jedoch waren vorsichtiger und skeptischer, aber ebenso euphorisch. Temperamentvoll mahnte Elvers auch zu feierlicher Stunde, unsäglich sei es, dass die Kader von damals noch heute intakt seien und bedauerte, dass die Mutigen von damals kaum noch hörbar seien. Es fehle die Achtung vor den Opfern und Bestrafung der Verantwortlichen, kritisierte Elvers. Nicht alles ist gelungen, nicht alle Idealvorstellungen wurden verwirklicht, Unterschiede in den Befindlichkeiten nicht ausgeglichen - es gibt eben kein Paradies auf Erden, so Elvers, doch der Wert der Freiheit wird einem bewusst, wenn man sie nicht mehr hat. Der Fall der Mauer sei ein ‚Stopp für Lügen’. Mauern können fallen, schloss Elvers, aber Wahrhaftigkeit muss täglich neu erarbeitet werden.

In Konau wurde der aufwühlende Film ‚Zwischen den Ufern - Tor auf an der Elbe’ gezeigt, eine Zusammenstellung privater Aufnahmen, in der sich sehr viele Anwesende wieder fanden oder jemanden entdeckten, den sie kannten. Der Förderverein Konau e.V. hat die Ereignisse der Grenzöffnung und der Wiederaufnahme des Fährverkehr dokumentiert. Für alle, die diese Ereignisse miterleben durften, werden das ‚Gänsehauterlebnisse’ bleiben.

Musikalisch wurde die eindrucksvolle Veranstaltung begleitet vom Kirchenchor Stapel, vom Bläserensemble Neuhaus sowie Schülerinnen und Schüler aus Neuhaus, Bleckede und Boizenburg. -EP/Redaktion/ez-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue