24.11.2009

Ein Lebenszeichen aus Bolivien

Seit knapp 3 Monaten ist die Stadt Cochabamba in Bolivien seine neue Heimat. Der 19-jährige Jan Putensen (EP-Stoker berichtete) leistet dort ein Jahr lang seinen Zivildienst für die Organisation Cristo Vive Bolivia, knapp 10.700 km Luftlinie von seinem eigentlichen Zuhause in Neetze entfernt.

Wir haben noch einmal Kontakt mit dem „Auswanderer auf Zeit“ aufgenommen, um ihn über das Leben in Südamerika zu befragen.

 

Jugendredaktion: „Jan, wie geht es dir? Hast du dich in Bolivien schon einleben können?“

Jan: „Mir geht es sehr gut. Die Zeit vergeht hier unglaublich schnell. Ich arbeite bereits fast 2 Monate Vollzeit bei der Fundacion Cristo Vive und so langsam hat mich der bolivianische Alltag gepackt.

 

Jugendredaktion: „Wie sieht dein Tagesablauf so aus?“

Jan: „Also, mein Tag beginnt um 7.30 Uhr. Ich stehe auf, dusche und frühstücke mit der Gastfamilie. Meistens gibt’s Müsli aus Quinua (Getreide), Brot und einheimische Früchte, wie Bananen oder Papaya.

Gegen 8.30 Uhr fahre ich mit dem Bus um die 20 Minuten ein Stück rauf in die Berge zu meiner Arbeit bei der Fundacion Cristo Vive in Tirani. Dort bereite ich dann erst mal den Raum für den Apoyo (Nachhilfe) vor und so um 9.30 Uhr gehe ich dann hoch in die Schule um einen von meinen Schülern abzuholen. Ich habe insgesamt vier Erstklässler im Einzelunterricht, die ich jeweils zwei Mal pro Woche unterrichte. Da das Schuljahr hier auf der Südhalbkugel im Dezember endet, haben diese Schüler nicht mehr viel Zeit um den Stoff der ersten Klasse zu lernen, um nicht sitzen zu bleiben. Manche können das Alphabet oder die Zahlen bis 20 noch nicht oder haben Probleme Silben zu lesen. Deshalb mache ich ca. 40 Min. Übungen zu diesen Problemen und danach bleibt noch etwas Zeit zum Spielen. Mit diesem Apoyo Individual bin ich dann bis ca. 12.30 Uhr beschäftigt. Dann kommt erst mal eine Mittagspause in der ich in der Einrichtung jeden Tag etwas typisch Bolivianisches zu essen bekomme. Meistens ist das Reis, Kochbanane und etwas Fleisch.

Um 14.00 Uhr geht’s weiter. Ich betreue eine Gruppe Zweitklässler bei ihren Hausaufgaben und spiele mit ihnen bis 16.00 Uhr. Das kann manchmal ziemlich anstrengend sein. Vor allem dann, wenn sie keine Lust haben ihre Hausaufgaben zu machen oder sich streiten. Die meisten dieser Kinder kommen aber nicht weil sie wirklich Probleme mit dem Stoff haben, sondern weil sie zu Hause nicht die Möglichkeit haben ihre Hausaufgaben zu machen. Das kann einfach nur daran liegen, dass ihnen ein Stift oder gar ein Tisch fehlt oder aber auch daran, dass der Vater Alkoholiker ist.

Nach den Zweitklässlern kommen noch Schüler der etwas höheren Klassen, aber nicht in Gruppen und auch nicht regelmäßig.

Beschäftigt bin ich aber immer bis mindestens 18.00 Uhr. Danach geht’s wieder nach Hause zu meiner Gastfamilie zum Abendessen und wenn ich noch Lust habe bzw. nicht zu müde bin gehe ich noch zum Sport.“

 

Jugendredaktion: „Ist Bolivien denn so, wie du es dir vorgestellt hast? Haben sich deine Befürchtungen bestätigt?“

Jan: „Vor meinem Abflug hatte ich ja schon etwas Angst vor der Konfrontation mit der Armut und davor, wie die Kinder auf mich reagieren würden. Der tägliche Umgang mit der Armut in Tirani hat mir zuerst auch eine Menge abverlangt, denn wie ich befürchtet hatte, herrschen hier zum Teil sehr schlechte hygienische Zustände. Fast alle Kinder haben faulige Zähne und einige auch Warzen an den Händen, was mich anfangs doch sehr abgeschreckt hat. Das hat sich aber bereits geändert, da ich mich an die Situation gewöhnt habe und ich den Kindern mit ihrer offenen Art und ihrer Fröhlichkeit doch nicht lange widerstehen konnte. Sie haben mir dadurch den Einstieg in die Arbeit sehr erleichtert.“

 

Jugendredaktion: „Wie unterscheidet sich sonst das Leben in Bolivien von dem in Deutschland?“

Jan: „Das Leben hier ist viel ruhiger als in Deutschland. Die Leute nehmen viele Dinge, besonders in Betracht auf Zeit und Pünktlichkeit viel gelassener. Wenn man an die deutsche Pünktlichkeit gewöhnt ist, dann kann man hier manchmal echt verzweifeln. Besonders wenn jemand ohne schlechtes Gewissen 2 Stunden zu spät zu einem Termin kommt oder man eine geschlagene Stunde auf den Bus warten muss. Aber die bolivianische Gelassenheit hat auch ihre Vorteile. Man kann die Dinge viel ruhiger angehen und sich Zeit lassen, was auch eine interessante Erfahrung ist.“

 

Jugendredaktion: „Was konntest du bis jetzt von deinem Freiwilligendienst lernen?“

Jan: „Wenn man hier ständig mit dieser Armut konfrontiert ist, lernt man die Dinge, die einem in Deutschland alltäglich vorkommen sehr zu schätzen. Vieles was wir jeden Tag für ganz normal hinnehmen, kommt einem hier wie purer Luxus vor. Auch sind viele Probleme über die sich die Leute in Deutschland aufregen einfach nur lächerlich im Vergleich zu den Problemen der Menschen hier.

Ich habe außerdem schon viel über die Mentalität der Menschen hier gelernt. Die Kinder sind trotz ihrer Armut sehr fröhlich und versuchen immer das Beste aus dem zu machen was sie haben.“

 

Jugendredaktion: „Hat dich diese Erfahrung irgendwie verändert?“

Jan: „Es hat mich insofern verändert, dass ich mich der Mentalität der Leute anpasse und mehr in den Tag hinein lebe, anstatt wie sonst jeden Tag durchzuplanen.“

 

Jugendredaktion: „Hast du manchmal Heimweh?“

Jan: „Natürlich habe ich auch Heimweh, das ist etwas ganz Normales, was jeden manchmal überkommt. Das Wichtigste ist aber, dass man sich diesem Gefühl nicht hingeben darf, sondern bewusst dagegen ansteuert, damit das Heimweh nicht das ganze Leben hier bestimmt.“

 

Jugendredaktion: „Vermisst du Etwas besonders?“

Jan: „Ja, das deutsche Essen! Ganz einfache Dinge wie Schwarzbrot, Käse, Currywurst, Döner oder Knödel. Obwohl das bolivianische Essen nicht schlecht ist, es ist doch ziemlich anders.

Außerdem vermisse ich das Autofahren, da ich hier einfach kein Auto zur Verfügung habe und ich bei diesem ziemlich undurchsichtigem Verkehr und den schlechten Straßenverhältnissen hier erst gar nicht fahren möchte.“

 

Jugendredaktion: „Was wünscht du dir für die Zukunft der Kinder in Bolivien?“

Jan: „Ich hoffe, dass sich durch die Arbeit der Fundacion wenigstens die Situation in Tirani in den nächsten Jahren etwas verbessern wird und möglichst viele Kinder es schaffen werden die Schule zu beenden, damit sie einen Beruf erlernen können.

So wie die Realität aber hier aussieht, stehen die Chancen eher schlecht, weil viele Kinder schon in jungen Jahren für den Unterhalt der Familie mit aufkommen müssen. Zum Beispiel arbeite ich mit einem Jungen (6 Jahre) der mindestens 1-2 Mal die Woche nicht zur Schule kommt, weil er mit seiner Familie in die Stadt zum Betteln fahren muss. Er wird mit Sicherheit die 1. Klasse noch mal wiederholen müssen und auch für danach stehen die Chancen für ihn eher schlecht einen normalen Beruf zu erlernen.“

 

Jugendredaktion: „Willst du auch nach deinem Freiwilligendienst den Kindern in Bolivien helfen und sie unterstützen?“

Jan: „Ich möchte auf alle Fälle mit der Einrichtung und den Menschen der Fundacion, bei der ich arbeite, in Kontakt bleiben. Viel wichtiger wird aber sein, dass ich mich für meine deutsche Entsendeorganisation engagieren möchte, indem ich helfe neue Freiwillige vorzubereiten und über die Arbeit in Bolivien informiere, um weitere Spenden für die Projekte zu sammeln.

Ich würde aber auch gerne eines Tages wieder nach Cochabamba zurückkehren, um zu sehen was denn aus der Einrichtung in Tirani geworden ist.“

 

Jugendredaktion: „Vielen Dank, Jan für das Interview. Wir wünschen dir weiterhin viel Glück und Freude für die restlichen Monate deines Freiwilligendienstes!“

 

Wer Interesse hat Jans Erlebnisse in Bolivien weiterhin zu verfolgen, der kann das auf seiner Website www.jan-in-bolivia.de tun. -EP-Jugendredaktion/carina-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue