Ein Leben für Marienau und für die ‚Weiße Rose‘
Dahlem/Marienau. „Warum hat sie nicht früher darüber gesprochen“, diese Frage beschäftigte nicht nur Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Altschüler in Marienau, sondern auch Prof. Dr. Johann Vogel, Mitglied des Trägervereins, sowie die Altschüler Rolf Ehlermann, Peter Lex und Detlef Egge. Gemeint waren die Erlebnisse von Anneliese Knoop-Graf während der Nazi-Zeit. Ihre Mitgliedschaft und die ihres Bruders Karl Graf in der Studentenvereinigung ‚Weiße Rose‘ der Geschwister Scholl, ihre Inhaftierung und insbesondere das Trauma der Hinrichtung ihres Bruders durch die Nazis in München Stadelheim haben ihr künftiges Leben bestimmt und beeinflusst. Dass sie erst viele Jahre nach dem Krieg über diese Zeit sprechen und schreiben konnte, kann sich Prof. Dr. Tuchel nur durch die Tatsache erklären, dass sie spürte, dass die ‚Wunden’ noch nicht verheilt waren und die Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland noch nicht bereit war, sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinander zu setzen. Anneliese Knoop-Graf war die letzte Zeitzeugin der Vereinigung ‚Weiße Rose’ und hat das Vermächtnis ihres Bruders Karl bis zu ihrem Tode im August 2009 bewahrt. Kurz vor Vollstreckung seines Todesurteils in der Haftanstalt München Stadelheim hatte der Bruder sie gebeten, den Widerstand gegen Hitler-Deutschland fortzusetzen und die Ideale der ‚Weißen Rose‘ aufrecht zu erhalten.
Zwei Leben geführt
Dieses Vermächtnis hat ihr gesamtes weiteres Handeln und ihre Lebenseinstellung geprägt. Prof. Dr. Vogel sagte in seinem Nachruf: „Anneliese hatte zwei Leben, ein erfülltes Leben als Heimleiterfrau in Marienau und ein zweites Leben als Vermächtnisbewahrerin ihres Bruders Karl und der Vereinigung ‚Weiße Rose‘. Beide Leben hat sie mit Hingabe und menschlicher Wärme erfüllt.“ Sie war die geborene Heimleiterfrau, zuständig für menschliche Beziehungen. Sie hatte eine realen Sinn für Verständigung und verschenkte in ihrer Funktion Vertrauen an die Kinder und Schüler. „Ich bin 1945im Auto mit Holzvergasermotor in einem abgeschiedenen Paradies in Marienau, einer damals heilen Welt - trotz des Krieges -, angekommen und habe dort rekordverdächtige neun Jahre verbracht“, berichtete Altschüler Rolf Ehlermann.
Strom für die Gemeinschaft
„Im Rückblick erscheinen mir auch der Gemeinschaftsschlafsaal, der ‚Donnerbalken‘ und die Tatsache, dass im harten Winter 1945/1946 abwechselnd jeweils ein Schüler auf einem Fahrraddynamo für die Gemeinschaft Strom erzeugen musste, als lehrreiche Lebenserfahrungen für das später“, ergänzte Rolf Ehlermann. Er erinnert sich an die menschliche Geborgenheit, die ihm von Anneliese Knopp-Graf entgegengebracht wurde, ohne sie wäre die Atmosphäre in Marienau kälter und ärmer gewesen. Wie er hoben alle Redner diese Dimension sowie ihr pädagogisches Geschick, ihr Verständnis und ihr Einfühlungsvermögen hervor. Aber auch ihre Bestimmtheit, ihre Geradlinigkeit und manchmal auch ihre natürliche Autorität machten die Person Anneliese Knoop-Graf aus.
Anerkennung und Dankbarkeit
Allen Rednern merkte man die persönliche Betroffenheit anlässlich der feierlichen Gedenkveranstaltung am 28. November in Marienau an und spürte bei ihnen eine große Dankbarkeit, Anneliese Knoop-Graf gekannt zu haben, ja mit ihr befreundet gewesen zu sein.
Aufgrund ihres Lebenswerkes, ihres sozialen Engagements und ihres Einsatzes für die Bewegung der ‚Weißen Rose’ wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Brühl, wo sie lebte, und zur Ehrendoktorin der Universität Karlsruhe ernannt. Anneliese Knoop-Graf war Marienau immer verbunden und hat, wenn es ihr Gesundheitszustand zuließ, bis zuletzt an den Sitzungen des Trägervereins teilgenommen. Sie starb im gesegneten Alter vom 88 Jahren am 27. August 2009 in Brühl am Rhein.
Mit Anneliese Knoop-Graf haben Marienau und der Trägerverein eine große Persönlichkeit und engagierte Förderin und Deutschland eine aufrechte Kämpferin für Gerechtigkeit, Demokratie und Liberalismus verloren. -EP-Redaktion/jw-

