Dienstschluss in Garlstorf/Radegast
Bleckede. Vor über zweiunddreißig Jahren, zum Erntedankfest 1977, kam Diakonin Heidi Wöhlbrand aus dem Landkreis Celle in die Gemeinde Garlstorf/Radegast, um hier die pfarramtlichen Aufgaben zu übernehmen. Kommenden Sonntag wird sie in einem feierlichen Gottesdienst aus diesem Dienst in den Ruhestand verabschiedet. Für die Gemeinde geht mit ihr eine ‚Ära’ zu Ende.
„Als ich ankam, gab es hier nicht einmal eine Schreibmaschine“, erinnert sich Wöhlbrand. Ein Vervielfältiger mit Namen Geha 400 war das erste Gerät, das angeschafft wurde. Mittlerweile gibt es auch im alten Radegaster Pfarrhaus Internet. Unter den hauptamtlichen Mitarbeitern im Kirchenkreis war Heidi Wöhlbrand neben der Thomasburger Diakonin Renate Behr lange Jahre eine der wenigen Frauen und die einzige mit pfarramtlichen Aufgaben.
Auf den ersten Blick vielleicht manchmal etwas düster schauend – ‚burschikos’, wie es die Autorin Heike Weiberg in ihrem Buch ‚Lüneburger Profile, Geschichten und Gesichter aus Stadt und Landkreis Lüneburg’ ausdrückte – erkennt man bei genauerem Hinsehen schnell die Weitherzigkeit von Heidi Wöhlbrand. Für viele Menschen gehört sie zu denen, die man ein ‚Original’ nennt, einen ganz besonderen Menschen.
Oft gelobt sind ihre persönlichen Ansprachen und ihre tröstliche Anteilnahme anlässlich einer Trauerfeier. Meist sind ihr die Toten und ihre Familien seit längerem bekannt. Heidi Wöhlbrand selber hält vor allem die Grabstätten von ihrem langjährigen Nachbarn und Küster Otto Konau und vom Organisten Siegfried Dechow in dankbarer Erinnerung. In den Dörfern Radegast, Brackede, Galstorf und Wendewisch gibt es kaum ein Haus, in dem sie über die Jahre ihres Wirkens nicht einmal zu Besuch gewesen ist – weil geheiratet wurde, eine Taufe zu feiern war oder jemand starb.
Über die Gemeindegrenzen hinweg berühmt geworden ist Wöhlbrand durch ihre Gastfreundlichkeit. Viele Jugend- und Erwachsenengruppen haben im Pfarrhaus- oder garten bei Heidi Wöhlbrand einkehren dürfen und auch einzelnen öffnet sie gerne die Tür - ob in ihr eigenes Haus oder ins Gotteshaus. In der Radegaster Kirche, ihrer Nachbarin, steht im Sommer meist ein Glas Wasser, Kaffee oder ein Keks für Besucher bereit. Das Gästebuch der Kirche ist jedes Jahr voll von Danksagungen ihrer Gäste. Dass die Elbe wenige Meter
hinter dem Pfarrhaus in Radegast über lange Jahre Grenzfluss war, hat Heidi Wöhlbrand nicht gehindert, auch rechtselbisch immer wieder Besuche zu machen und Kontakte zu pflegen.
Wenn es einen Schwerpunkt ihrer Arbeit besonders in den ersten Jahrzehnten gab, dann war das nach ihrer eigenen Einschätzung die Jugendarbeit. Der Umgang mit den Konfirmanden liegt ihr – neben dem Gottesdienst - bis heute besonders am Herzen.
Wohl kaum eine Pastorin hat guten Kontakt zu solch einer Bandbreite von Menschen in ihrer Gemeinde, ob Kirchenmitglieder oder nicht, wie Heidi Wöhlbrand. Wenn die Feuerwehren tagen, ist sie regelmäßig dabei, beim Gesangsverein und dem erst in diesem Jahr gegründeten Dörferverein förderndes Mitglied zu sein, ist für sie selbstverständlich.
Die in einem Dorf in der Nähe von Soltau aufgewachsene Wöhlbrand zählt zu den Menschen, denen leicht und gerne verziehen wird, wenn es denn etwas zu verzeihen gibt. Die Braut, deren Ehering bei der kirchlichen Trauung in Garlstorf nicht an ihrem Finger landete, sondern als höchst seltene Dienstpanne im Pfarrhaus liegend seinen Einsatz verpasste, ist heute verantwortlich für die Kirchengemeinde aktiv.

