10.12.2009

Bedrückende und fantastische (Klang-)Welten

Das Trio Viaggio gestaltete die Performance „Beschwörung“ im Kunstraum Tosterglope, im Hintergrund der Komponist Joachim Heintz an der Elektronik

Das Trio Viaggio gestaltete die Performance „Beschwörung“ im Kunstraum Tosterglope, im Hintergrund der Komponist Joachim Heintz an der Elektronik

Tosterglope. Auf großes Interesse stieß ein Portraitkonzert des Komponisten und Autors Joachim Heintz am letzten Samstag im Kunstraum Tosterglope. An dem Abend, der den mystischen Titel „Beschwörung“ trug, wirkten neben dem Komponisten selbst, das Bremer „Trio Viaggio“ und der Sprecher Jörg Holkenbink mit, der auch Regie führte. „Beschwörung“, ein Stück für drei Blockflöten und drei Ghettoblaster stand im Mittelpunkt des Konzertes. Was passiert, wenn drei Personen - hier die Flötistinnen Annette John, Kathrin Krauß und Tanja Peemöller - durch ein Ritual versuchen mit dem Jenseits in Verbindung zu treten? Die drei Musikerinnen, die zuvor im Publikum gesessen haben, erheben sich und beginnen zu spielen, während sie nach einem geometrischen Muster den Raum durchschreiten. Durch ihre intensive Musik und Bewegung öffnet sich plötzlich ein anderer Raum: Aus den Ghettoblastern kommen fremdartige Geräusche und Stimmen. Sind es Antworten aus dem Jenseits? Die Beschwörerinnen erschrecken und versuchen mit ihrem Flötenspiel die Stimmen wieder loszuwerden. Sie treten zusammen, sammeln Kraft und besiegen mit durchdringenden schrillen Flötenklängen die jenseitigen Mächte. Die eindrückliche Performance des „Trio Viaggio“ wurde eingerahmt von Kompositionen für Elektronik und Texten von Joachim Heintz, gelesen von Jörg Holkenbrink. „Stimmen“ und „Nacht“ - beide Stücke schrieb der Komponist 2008 in Anlehnung an Texte von Heinrich Heine. Die mit dem Computer erzeugten Klänge rufen unangenehme, verstörende Gefühle hervor und erinnern an Alpträume oder Fieberfantasien. Die Texte von Joachim Heintz, die Jörg Holkenbrink mit seiner dunklen, ausdrucksstarken Stimme vorträgt, geben genau dies wieder: Der Ich-Erzähler, der allein in einer fremden Stadt ist, äußert seine Angst - Angst vor Entdeckung, Verfolgung, ja auch vor Hinrichtung. Bedrückende Worte, die sich mit Hilfe von  sieben Lautsprechern im gesamten Raum ausbreiten. Gleichsam düster ist das Thema des Stückes „Dreieck“, das erstmalig in der Fassung für Live-Sprecher und Tonband zur Aufführung kam. Es basiert auf einem Interview, das die Kölner Journalistin Bettina Rühl im Jahre 2001 mit zwei Kindersoldaten aus Sierra Leone geführt hat. Es sind nur Bruchstücke aus den Interviews, die per Computer wiedergegeben werden, doch sie genügen, um erschreckende Vorstellungen hervorzurufen, von furchtbaren Geschehnissen in dem ehemaligen Kriegsgebiet. Verstärkt werden sie durch die coole, gefühllose Ausdrucksweise der Jungen, die durch den Zwang zum Töten ihrer Kindheit beraubt wurden. Im Wechsel mit den Interviewausschnitten liest Holkenbrink aus dem Grimmschen Märchen „Fundevogel“. Hier prallen zwei Welten aufeinander, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, und doch ist keine der beiden Welten heil und vollkommen. Zwei Erlebniswelten, die durch den Wechsel von Aktion (Bewegung) und Stillstand einen neuen Raum eröffnen für die Assoziationen der Zuhörer. Die Collage endete mit dem Stück Stimmen II - eine klangliche Variation des anfangs gespielten Stückes: „Aus dem Anfang wird ein Schluss“, kommentiert es Joachim Heintz. Die Zuhörer, die - gebannt, bestürzt, fasziniert - die fast einstündige Aufführung verfolgt haben, bedanken sich bei den Künstlern mit langem Applaus. Im Anschluss entspann sich eine lebhafte Diskussion zwischen dem Komponisten und dem Publikum. -swr- 

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue