Arroganter Farbkleckser oder Feingeist?

Der Hamburger Kunsthistoriker Dr. Hans Thomas Carstensen und der Gitarrist Antonio Vito gestalteten einen Abend über den niederländischen Maler Rembrandt van Rijn.
Bleckede. Wer war Rembrandt? Was war er für ein Mensch? Darüber gibt es viele Legenden, aber kaum echte Zeugnisse. Forscher haben sich erst in jüngerer Zeit vermehrt auf die Suche nach dem Menschen hinter dem Maler gemacht und haben Erstaunliches, aber auch viel Widersprüchliches aufgedeckt. Darüber berichtete der Kunsthistoriker Dr. Hans Thomas Carstensen am letzten Sonntag im Schloss im Rahmen eines gut besuchten Diavortrages in plattdeutscher Sprache. Viermal bereits war Dr. Carstensen auf Einladung des Kultur- und Heimatkreises in Bleckede zu Gast, hatte zuvor über Nolde, Caspar David Friedrich, Gauguin und Munch referiert. Nun also Rembrandt: Rembrandt habe weder Takt noch Feingefühl besessen, sagen die einen. Er war arrogant, verstockt und einfältig, obendrein außerordentlich geldgierig, behaupten andere Fachleute. Kurzum: Rembrandt soll „ein fragwürdiger Charakter gewesen sein, ein richtiges Ekel“.
Diese Behauptungen ließ Dr. Carstensen nicht unwidersprochen. Auf Dias zeigte er eine Reihe von Porträts und Selbstporträts des Künstlers, wunderbare Bilder, die mit viel Feingefühl und psychologischem Verständnis gemalt wurden. „Unvorstellbar, dass ein „Rüpel“ solche Bilder gemalt hat“, so Dr. Carstensen. Rembrandt war ein großes Talent und revolutionierte das Gruppenporträt, viele reiche Bürger wollten sich von ihm malen lassen. Es sei aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass Rembrandt seine Auftraggeber oftmals arrogant behandelte. Dieses und sein schlechter Umgang mit Geld - er soll sogar kaufsüchtig gewesen sein - wurde Rembrandt zum Verhängnis. Als sich dann auch noch der Kunstgeschmack seiner Käufer veränderte – sie wollten nur noch in „feiner Manier“ gemalte Bilder, im Gegensatz zu seinem Malstil, der immer „gröber“ wurde , – ging es mit Rembrandt finanziell richtig bergab. Dr. Carstensen zeigte Beispiele von Rembrandts Bildern, die in „grober Manier“ gemalt waren. Die Farbe ist mit breiten Pinselstrichen in mehreren dicken Lagen aufgetragen, jedoch entfalten seine Gemälde aus der Distanz betrachtet, eine großartige Wirkung so der Referent. Manche Fachleute haben Rembrandts Stil als „schludrig“ bezeichnet, ohne zu erkennen, wie detailgenau er trotz des dicken Farbauftrags gemalt hat. Eine andere Geschichte von Rembrandt ist sicherlich auch wahr: Die Amme, die sich um seinen Sohn Titus aus erster Ehe kümmerte, hat er betrogen und zugrunde gerichtet, indem er das ihr gegebene Eheversprechen nicht einlöste. Als die Amme vor Gericht ging, verleumdete er sie. Das war etwas, das zu den unlösbaren Widersprüchen in Rembrandts Persönlichkeit gehörte. Dem stand entgegen, dass Rembrandt ein Mensch auf der Suche war, auf der Suche nach Gott. Er malte zahlreiche Bilder mit Motiven aus der Bibel, wie Jakob ringt mit dem Engel, Samson und Delilah und Maria mit dem Kinde. Mehrmals malte er die Geschichte von dem verlorenen Sohn. Seine Bilder verraten eine intensive Auseinandersetzung mit der biblischen Botschaft. Und seine Figuren sind Menschen aus Fleisch und Blut, keine „Säulenheiligen“, so Carstensen. Der Gitarrist Antonio Vito umrahmte Carstensens Vortrag sehr passend mit Barockmusik und eigenen Assoziationen zu den Bildern. Das Publikum war rundum zufrieden mit dem informativen und unterhaltsamen Abend und dankte mit herzlichem Applaus. –EZ-Redaktion/swr-
