12.11.2009

Als in Deutschland die Bücher brannten

Gerd Berghofer breitete das Schicksal der ‚verbrannten Dichter’ im Schlosssaal aus.

Gerd Berghofer breitete das Schicksal der ‚verbrannten Dichter’ im Schlosssaal aus.

Bleckede. Als am Abend des 10. Mai 1933 in zwanzig deutschen Hochschulstädten zahllose Bücher namhafter Schriftsteller auf den Scheiterhaufen der Nationalsozialisten verbrannten, bedeutete dies für die Betroffenen häufig das berufliche Ende. Durch das Berufsverbot und das Verbot der Veröffentlichung ihrer Schriften wurden die Autoren in kürzester Zeit aus dem Bewusstsein der Menschheit ausradiert. Viele Autoren gingen ins Ausland, andere in die ‚innere Emigration’, nicht wenige suchten den Freitod. Zwölf Jahre der Nazi-Herrschaft reichten aus, um einen großen Teil der Schriftsteller in Vergessenheit geraten zu lassen. Nur wenige schafften nach dem Krieg einen Neuanfang. Der bekannte Autor und Rezitator Gerd Berghofer war auf Einladung des Kultur- und Heimatkreis in Bleckede zu Gast und gestaltete im Schlosssaal einen bewegenden, fesselnden Abend über die ‚verbrannten Dichter’.

In seiner Einleitung zu dem Thema sagte Berghofer, dass bereits Anfang April 1933 Bücherverbrennungen in Wuppertal durchgeführt worden seien, die dann am 10. Mai 1933 ihren Höhepunkt gefunden hätten. Der Redner machte deutlich, dass diese Aktion „wider den undeutschen Geist“ von der so genannten Intelligenz ausging, initiiert von der deutschen Studentenschaft und unter Beteiligung von Professoren! Während der Verbrennungen an öffentlichen Plätzen war es üblich, dass neun Feuersprüche ausgerufen wurden. „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner“, lautete einer der Sprüche. Georg Bernhard, Friedrich Wilhelm Foerster, Sigmund Freud, Werner Hegemann, Emil Ludwig, Karl Marx, Karl Kautsky, Alfred Kerr, Carl von Ossietzky, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Theodor Wolff waren die anderen zwölf Autoren, deren Schriften exemplarisch ins Feuer geworfen wurden. Insgesamt standen die Namen von 24 deutschen Autoren auf den schwarzen Listen, außerdem viele andere aus dem Ausland, wie etwa Hemingway. Ihre Bücher durften in Deutschland nicht mehr verkauft, verlegt oder gelesen werden.

Auch wenn über dem Abend ‚Lesung’ stand, gelesen wurde kaum. Stattessen rezitierte Berghofer - zumeist ohne Manuskript - mit eindringlicher Schauspielerstimme und bewegender Mimik. Mit Texten und Biographien breitete er die Schicksale der ‚verbrannten Dichter’ vor den Zuhörern aus. Zum Beispiel Erich Kästners sarkastische Gedicht ‚Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?’ Kästner war einer der wenigen verbotenen Schriftsteller, der in Deutschland blieb. Außerdem war zu hören von dem expressionistischen Dichter Albert Ehrenstein, der völlig verarmt in New York starb (‚Briefe an Gott’), und von Erich Mühsam, einem unbeugsamen politischen Schriftsteller, der sein Lebensmotto ‚Sich fügen, heißt lügen’ bis zur letzten Konsequenz lebte, er starb am 10. Juli 1934 in den Folterkammern der Nazis. Von Mühsam trug Berghofer das ironische Gedicht vom Revoluzzer vor: „War einmal ein Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer. Ging im Revoluzzerschritt mit den Revoluzzern mit...“ Oscar Maria Graf empfand es als Schande, zu den von den Nazis erlaubten, ja sogar empfohlenen, Dichtern zu zählen. 1933 verfasste er einen Aufruf, der in der Wiener Arbeiterzeitung veröffentlicht wurde. Darin forderte er: „Verbrennt mich! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!“. Ein Jahr später wurde Oscar Maria Graf aus Deutschland ausgebürgert und seine Schriften nachträglich verbrannt.

Berghofer besprach ferner den Lyriker Armin T. Wegner, Alfred Henschke genannt ‚Klabund’ und Else Lasker-Schüler. Anrührend sind die Geschichten der Dichter, die den Freitod wählten, weil sie die Not und die Schmach nicht mehr aushielten, wie etwa Ernst Toller, Ernst Weiß, Walter Hasenclever und Werner Bergengruen, schließlich Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky. Es war eine spannende und höchst informative Veranstaltung, der man deutlich mehr Publikum gewünscht hätte. –EP-Redaktion/swr

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